THE OTHER

Frankfurt, 10. Juni 2020 – Interview

The OtherDie Kölner Horrorpunks THE OTHER haben uns bereits mehrere Male mit Auftritten in Frankfurt erfreut, zweimal (2015 und 2012) berichteten wir in diesem Blog im Rahmen der Hellnights darüber. Am 12. Juni erscheint nun mit „Haunted“ das bereits achte Album der Formation, was wir zum Anlass nahmen, um mit Frontmann Rod Usher (rechts) ein Interview zu führen. Dabei ging es nicht nur um das neue Werk, sondern auch um das Banddasein in Zeiten von Corona und die Shows in diversen Frankfurter Clubs. Allen Freunden von Acts wie den MISFITS, THE DAMNED und SISTERS OF MERCY sei das neue Album ans Herz gelegt, das Elemente der genannten Bands aufgreift und daraus eine ganz eigene Soundkreatur erschafft. Die Scheibe enthält 13 Songs, darunter zwei in deutscher Sprache gesungene. Auch Sammler kommen auf ihre Kosten: Die LP wird in limitierter Auflage in rot-grünem Splatter-Vinyl zu haben sein.

Hi Rod, mit „Haunted“ ist gerade Euer achtes Album erschienen, das einmal mehr vor Ideen und brillanten Einfällen strotzt. Wie erfindet man sich nach 18 Jahren Bandgeschichte und sieben Platten immer wieder neu?



Danke für das Lob! Bisher gab es ja nie einen wirklichen Plan, wie ein Album klingen sollte, sondern es entwickelte sich aus den Ideen der Bandmitglieder. Für „Haunted“ sind wir aber erstmals mit einer vorher besprochenen Strategie ans Werk gegangen: Wir wollten alles, was THE OTHER ausmacht, in jeden The OtherSong integrieren, so dass das Album einheitlicher wirkt als der Vorgänger und damit eher an Scheiben wie „New Blood“ anknüpft. Das bedeutet: Wir wollten etwas Punkrock-Attitüde der Anfangszeit wiederbringen und gleichzeitig unsere düstere Atmosphäre in jedem Stück spürbar machen. Vielleicht wollten wir eben das passende Album für Zeiten wie diese machen, mit Härte aber melodischer Melancholie.

Nach 18-jährigem Bestehen seid Ihr als Band nun quasi volljährig. Wenn Du die Formation heute und in ihren Anfangstagen betrachtest – was hat sich geändert?


Wir haben mehr Erfahrung, wir wissen was wir tun und wir schreiben keinen Song und nehmen ihn so auf, wie er beim ersten Mal gespielt wurde. Gerade Pat, Ben und Aaron sind sehr akribisch und feilen stark an den Details ihrer Instrumente, während ich viel mehr Zeit in Melodien, Texte und Backingvocals stecke. Unsere Ansprüche sind gestiegen. Diesmal aber wollten wir den Geist von früher wieder heraufbeschwören und etwas wilder unterwegs sein. Denn wenn wir zusammen auf Tour sind, sind wir immer noch kleine Monster, die viel Schabernack treiben.

The Other Lp "Haunted"Das Album trägt den Titel „Haunted“ und das Cover zeigt ein finsteres Spukhaus, sodass man schlussfolgern könnte, es gehe diesmal ausschließlich um Geistergeschichten. Ist dem so oder hat der Titel eine metaphorische Bedeutung?

Die Inspiration kam durch das Buch „Kill Creek“ von Scott Thomas – einer der besten Horror-Romane der letzten Jahre, mit einem gruseligen Haus auf dem Titel. Wir haben es dann anders umgesetzt und wollten es vielschichtiger haben. Der Totenkopf als Teil des Gebäudes soll darstellen, dass das Haus wie ein heimgesuchter Geist ist, in dem sich dunkle Gedanken in den vielen Gehirnwindungen – dargestellt durch die vielen Räume – tummeln. Auch wir als Bandmitglieder spuken da rum. Das Cover funktioniert als klassisches Horrormotiv aber auch als Metapher für den Zustand der Gesellschaft, gerade jetzt in der Krise, wo gefühlt immer mehr Menschen „besessen“ sind.

The OtherBis auf den neuen Basser Aaron Torn, der aber schon einmal Teil der Band war, konntet Ihr als eingespieltes Team am neuen Album arbeiten. Hat sich dies bemerkbar gemacht?



Aarons Rückkehr war wichtig für die Harmonie in der Band. Wir haben schon ein recht launisches Bandmitglied und nun dominiert die gute Laune. Aaron ist ja nicht nur studierter Bassist und Sänger, sondern auch ein Party-Animal und verhinderter Comedian. So passte also alles und wir sind mit bester Stimmung, großem Elan und echter Leidenschaft an dieses Werk gegangen. Man hört die ungestüme Freude in den Songs, finde ich. Es passt einfach super mit Aaron, musikalisch und menschlich. Das macht in einer Band wahnsinnig viel aus.

Ihr habt bereits drei Videos zum Album veröffentlicht, ein Lyric-Video zum Dampfhammer „We‘re All Dead“,  ein aufwändigeres Video zum düsteren „Dead to You – Dead to Me“ sowie eines mit maskierten Fans zum Ohrwurm „Turn it Louder“. Wieso habt Ihr Euch für diese drei Songs entschieden?



Erst, als wir die finalen Mixe hatten, hat sich herauskristallisiert, welche Songs es werden würden. „We’re All Dead“ klang nun noch stärker als unser bisheriger Favorit und hat sich als Song entpuppt, der sowohl nach Old School-THE OTHER-Horrorpunk klingt, aber eben auch spielerisch hochwertig ist und dazu noch zum Mit-Shouten einlädt. Er stellt irgendwie die Essenz unseres The OtherSounds dar und war daher die perfekte Wahl für das erste Ausrufezeichen. „Dead to You – Dead to Me“ zeigt unsere düstere, gotische Seite etwas stärker auf und die sehr persönlichen Lyrics haben die Handlung des Videos – die mit professionellen Schauspielern umgesetzt wurde – quasi vorgegeben. Unser Song „Lovesick Mind“ vom „New Blood“-Album war damals ein richtiger Gothic-Discohit und vielleicht wird es dieses Stück ja auch. „Turn it Louder“ ist dagegen unsere neue Mitgröl-Granate, The Otherdie das Gute im Dunklen herausstellt, das Licht am Ende des Tunnels, die rauschende Party, wenn Du Dich vorher nicht nach Party gefühlt hast. Kein Soundtrack zum Untergang, sondern eine fette Feier-Hymne für alle Kinder der Nacht. So zeigen wir alle Facetten von THE OTHER, auch wenn wir natürlich für Singles und Videos eher Songs wählen, die auch einem zufälligen Hörer gefallen könnten, der es nicht ganz so brachial mag, wie manche anderen Tracks des Albums.

Erzähl uns etwas zu den einzelnen Songs. Gibt es Texte, die Dir besonders viel bedeuten?

Ich mache ja keinen Hehl daraus, dass viele Texte eine Verarbeitung meiner Gefühle nach einer Trennung waren, als ich sie schrieb. Und auch wenn in vielen Texten Frauen sterben, heißt das nicht, dass meine damalige Traurigkeit, Enttäuschung und Wut zu dem geführt hätten, was in den Lyrics beschrieben wird. Es ist eben Fiktion, eine Möglichkeit Emotionen zu kanalisieren und zu etwas Produktiven werden zu lassen. Dass Stücke wie „Dead to You – Dead to Me“, „Was uns zerstört“, „To Hell and Back“, „Fading away“ oder „We’re all Dead“ dadurch inhaltlich für mich speziell sind, ist klar. Aber auch „Mark of the Devil“ liegt mir am Herzen, da es für mich ein feministisches Stück ist, da die Lust der Frau in der Gesellschaft noch immer stigmatisiert wird. Und „Absolution“ mit seinem „Kein Gott – kein Führer“-Refrain dürfte für sich selbst sprechen, gerade in dieser Zeit.

In „1408 & 217“ scheinst Du zwei berühmte Zimmer aus unterschiedlichen Horror-Romanen zu kombinieren. Was hat es damit auf sich?



Stephen King ist mein Lieblingsautor, ich habe auch meine Magisterarbeit über ihn verfasst. 217 ist das Zimmer im Buch „Shining“, in dem Danny Torrance auf die tote, alte Frau in der Badewanne trifft. Kenner werden wissen, dass man in der Timberline Lodge, vor der die Außenaufnahmen des Overlook Hotels für die Verfilmung von „Shining“ gedreht wurden, Angst hatte, dass später kein Gast mehr das Zimmer 217 buchen würde. Aus diesem Grund wurde die Nummer in 237 umgeändert, da ein solches Zimmer in der Timberline Lodge nicht existiert. „1408“ ist weniger bekannt, aber eine großartige Kurzgeschichte, die eine ebenso wunderbar-gruselige Umsetzung mit John Cusack erfahren hat. Beide Zimmer stehen aber für die Lust am Schauer und das Interesse an heimgesuchten Orten. Jeder würde doch gerne in einem Hotel oder Schloss übernachten, in dem Geister aktiv sind, oder?

The OtherVom Titel her ungewöhnlich mutet der Song „The Silence After the First Snow“ an. Worum geht es?

Der Songtitel ist eine Zeile aus einem Roman. Ich hatte sie mir in mein Notizbüchlein notiert, aber leider vergessen aufzuschreiben, welches Buch es war. Auch einen Kontext hatte ich nicht mehr. Es könnte das großartige „Snowblind“ von Christopher Golden gewesen sein. Interpretiert habe ich die Zeile so, dass der Schnee einfach alles verdeckt: Blut, Körper, Erinnerungen. Der Tag nach dem ersten Schnee ist, als wäre die Welt eine ganz andere. Frisch und jungfräulich. Keine Spur von Sünde. Auch nicht von denen der letzten Nacht.

Einige der Songs wie „Fading Away“ und „To Hell and Back“ wecken bei mir wohlige Erinnerungen an Heavy-Rock-Acts der 1980er Jahre. Sind diese Referenzen bewusst und vielleicht ob des derzeit bestehenden 80s-Hypes – „Stranger Things“, „Es“, „American Horror Story: 1984“ – entstanden oder habt Ihr Eure Bandbreite einmal mehr auf unbewusste Art erweitert?



Ehrlich gesagt waren die Songs nicht als 80er-Referenz konzipiert, sie haben sich aber dahin entwickelt. „Fading Away“ haben wir als eine Hommage an „Hyde Inside“ vom ersten Album gesehen, „To Hell and Back“ sollte ein lupenreiner Goth-Rocker werden. Nun ist es so, dass es vier KISS-Fans in der

The Other

Band gibt und speziell Ben und ich bekennende 80er-Hair-Metal-Liebhaber sind. Gleichzeitig haben wir natürlich alle genannten Filme und Serien gesehen und dazu auch mal Carpenter Brut gehört. Ich denke von all dem könnte etwas eingeflossen sein. Irgendwie sind die Songs aber eben trotzdem THE OTHER, speziell „Fading Away“ reiht sich ziemlich nahtlos ein.

Ein Wort zum Bassisten-Fluch, der Euch ja bereits seit geraumer Zeit verfolgt. 2019 ist Chris Cranium ausgestiegen und im Gegenzug hat sich Euch Aaron Torn wieder angeschlossen. Wie kam der Wechsel zustande?



The OtherWir hatten den Kontakt zu Aaron nie verloren, haben uns getroffen, als wir auf Wacken mit unseren jeweiligen Bands gespielt haben und als wir eine Show in Rostock hatten und sie einen Off-Day dort. Als er aus seiner damaligen Band ausstieg, lag es nahe ihn zu fragen, als sich bei uns die Notwendigkeit ergab. Und er ist nicht nur eingesprungen, sondern auch geblieben. Hoffentlich für immer.

Dass Ihr regelmäßig auch Songs mit deutschen Texten aufnehmt, ist mittlerweile bekannt, diesmal sind es mit „Was uns zerstört“ und „Absolution“ sogar zwei. Wie wäre es mal mit einem komplett deutschen Album, auf dem Ihr deutsche „Horror-Klassiker“ wie „Der Hund von Baskerville“ (Cindy & Bert), „Gern hab ich die Frau‘n gesägt“ (Harry Horror) oder „Der Greisinnenmörder vom Teufelsmoor“ (Schobert & Black) covert? 


Eine tolle Idee! Eigentlich hätte diese Scheibe jetzt schon fast ein Konzept gehabt, nämlich die Vertonung lokaler Sagen – wie bei „Werewolf of Bedburg“ vom letzten Album. Gleichzeitig haben wir auch schon lange Lust auf ein Album mit Coversongs aus der Horror-Historie, also mit Alice Cooper, THE CRAMPS, Screaming Jay Hawkins, THE DAMNED, etc. Da könnten diese großartigen deutschen Stücke sehr gut zu passen, auch wenn ja der Song von Cindy & Bert wiederum BLACK SABBATHs „Paranoid“ mit neuem Text ist.

Abschließend eine Frage zur Corona-Situation, die im besonderen Maße auch kulturelle Einrichtungen, Clubs und Künstler betrifft. Wie hart hat es Euch als Band getroffen? 


The OtherWir haben dieses Jahr erst ein unmaskiertes Unplugged-Konzert im kleinen Rahmen vor nur 150 Fans gespielt, der nächste Gig im März wurde schon abgesagt. Mitte Juni gibt es noch eine Streaming Show aus dem legendären Luxor in Köln. Alles andere wurde entweder abgesagt oder verschoben. Wir haben eine leise Hoffnung, unsere eigene Halloweenshow noch retten zu können. Leider können auch die dafür angefragten Bands nichts planen, sodass wir mitten im luftleeren Raum stecken. Unsere Oktober-Tour ist bereits auf Oktober nächsten Jahres verschoben. Finanziell ist das ein Desaster, wir können nur hoffen, das neue Album und unser Merch gut zu verkaufen. Immerhin können wir derzeit unser The OtherAlbum promoten und vor allem arbeiten wir seit Wochen an unserem Hörspiel „THE OTHER und die Erben des Untergangs“, geschrieben von „John Sinclair“-Autor Thomas Williams und mit tollen Co-Stimmen von Forensiker Dr. Mark Benecke, KREATOR-Shouter Mille Petrozza, Bestseller-Autor Wolfgang Hohlbein, IN EXTREMO-Frontmann Michael Rhein, dem legendären Joachim Witt, Porno-Ikone Conny Dachs und ROSENSTOLZ-Stimme Anna R, die auch bei „Dead to You – Dead to Me“ im Refrain mitgesungen hat und bei „Der Tod steht Dir gut“ von 2008 zu hören ist. Das war alles eine tolle, ungewöhnliche Arbeit. Das Hörspiel erscheint im September bei Wicked Vision als Mediabook mit CD und als Kassette mit THE OTHER-Bleistift und einem Cover von Rainer Engel.

Thema Frankfurt: Ihr habt bereits des Öfteren bei uns gespielt, beispielsweise im Nachtleben und in „Das Bett“. Hast Du Erinnerungen an die Gigs und wie haben Dir die Clubs gefallen?



Auch in der alten Batschkapp haben wir 2008 gespielt, das war natürlich richtig klasse, da stimmte alles. Ähnlich geil ist „Das Bett“, denn die Bühne ist schön groß, der Backstageraum hat auch für drei Bands genug Platz und die damaligen Booker sind richtige Kumpel geworden. Seit dem Betreiberwechsel sind wir leider nie mehr dort gebucht worden, auch wenn bei uns ja die Hütte voll war. The OtherKeine Ahnung, welche Strategie da gefahren wird. Im Nachtleben ging es immer am meisten ab, wenn wir in Frankfurt gespielt haben, was wohl an der Nähe zum Publikum und der niedrigen Bühne liegt. Das war Vollkontaktsport und wahnsinnig geil. Leider ist der Backstage-Raum sogar für eine Band, die sich schminken muss, eigentlich zu klein und die ganze Backline musste man durch das Restaurant und die Treppen hinunter schleppen. Aber das macht man gerne, wenn man mit der tollen Atmosphäre belohnt wird. Dem schönen Gig in „Das Bett“ trauere ich trotzdem hinterher.

Gibt es lokale Unterschiede das Publikum betreffend? Frankfurt sagt man ja nach, dass das Publikum eher reserviert sei…

Das können wir nicht bestätigen, was vielleicht daran liegt, dass wir ein recht reisefreudiges Publikum haben und unsere „Undead Army“ weit fährt und überall Stimmung macht. Auch die Hessen haben bei uns immer gut Gas gegeben, wir können uns wirklich nicht beschweren. Meines Wissens haben wir aber immer vor freien Tagen in Frankfurt gespielt, da sind die Leute ja eh immer etwas lockerer. Ich habe die Konzertgänger in Bayern immer mal wieder etwas steifer empfunden, während zum Beispiel die Nordlichter in Hamburg bei uns immer sehr heißblütig sind. Die gängigen Klischees treffen also nicht zu.

Interview: Marcus
Fotos (10): Stefan, aufgenommen in „Das Bett“, Frankfurt
Fotos (2) & Album-Cover: The Other

Links: https://theother.de/, https://de-de.facebook.com/theotherhorrorpunk/, https://theotherband.bandcamp.com/, https://www.instagram.com/theother_horrorpunk/, https://www.last.fm/de/music/The+Other

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