HALESTORM & BLOODYWOOD

Schlachthof, Wiesbaden, 22.10.2025

HalestormMal wieder die Qual der Wahl: Während in Aschaffenburg CASTLE RAT plus die fantastischen DAEVAR den Colos-Saal rockten, dominierte am anderen Ende des Schienenstrangs in der Halle des Wiesbadener Schlachthofs Lzzy Hale mit HALESTORM das musikalische Geschehen, unterstützt von den nicht minder ersehnten BLOODYWOOD aus Neu-Delhi. Eintracht Frankfurt spielte außerdem Fußball, was für eine Menge Bewegung rein in verschiedene Züge und wieder raus sorgte. Heutzutage muss man sich ja fragen, ob das logistisch so ohne Weiteres funktioniert: Erkältungszeit sowie Personalknappheit lassen so manche Verbindung verschwinden, Oberleitungen versagen ihren Dienst und moderne Hobbys wie das ominöse „Personen auf den Gleisen“ sorgen für Zugausfälle, Sardinen-Analogien neben jeder Menge Frust und Verzweiflung.

Als ich meine Verabredung mit HALESTORM klar machte, geschah das aus einem Trotz-Reflex, weil ich bei anderen Konzerten im Schlachthof, die ich gern fotografiert hätte, zu spät dran war. Eigentlich kannte ich HALESTORM nur grob, BLOODYWOOD gar nicht. Die hatten in meinem Umfeld jedoch einen Halestormausgezeichneten Ruf. Als CASTLE RAT mit eben DAEVAR angekündigt wurde, war ich schon stark von „FOMO“ betroffen. DAEVAR sah ich 2024 als Gast von COLOUR HAZE und war schwer begeistert von ihnen, ein weiteres Treffen in Mainz kam aus Terminstress dieses Jahr leider nicht in Frage.

Knapp eine Woche vor dem HALESTORM-Gig fing ich erst an, ihre Musik zu hören. Begonnen hatte ich mit dem aktuellen Werk „Everest“, welches ich, ohne besonders auf die Texte zu achten, als ganz nett erachtete. Dann fing ich an, die Diskographie rückwärts zu erforschen und landete bei „Back From The Dead“ von 2022, ihrem fünftes Album. Und war schwer angetan. Nummern wie der Titelsong, „Strange Girl“ oder „Psycho Crazy“ sind der Hammer – auch wenn sie, Halestormwie ich später beim weiteren Forschen entdeckte, im HALESTORM-Kosmos nicht unbedingt neue Welten aufstießen. Und diese Stimme – was für ein fieses, krasses, mächtiges Rock’n’Roll-Organ Hale besitzt. Beeindruckend. Gitarre spielt sie dabei ebenfalls. Beim Tourstart der US-Formation in Wiesbaden geschätzt übrigens mindestens fünf verschiedene Modelle, wenn ich richtig gesehen habe – darunter eines mit Doppelhals.

Halestorm

Lyrisch geht es oft um den Spirit des Rock’n’Roll – wie geil es ist, in der ersten Reihe mitzufiebern zum Beispiel. Um Community, wie in „This is my Church“. Und darum, als Frau im Leben und im Rock’n’Roll zurecht zu kommen und sich zu behaupten. Darum, wie man wahrgenommen wird oder welches Selbstbild Halestormman hat. Hale ist im kommerziell erfolgreichen Hardrock oft die Quotenfrau – sie war zum Beispiel bei der finalen Ozzy/BLACK SABBATH-Sause („Back To The Beginning“ – Ozzys letzter Auftritt) in Birmingham als einzige Repräsentantin ihres Geschlechts dabei. Ihr Kommentar lapidar: „It’s not my first rodeo being the only girl in any situation. At first, it’s a little unbelievable: ‘I can’t be the only one, there’s so many of us out there.’ But you side with the fact that it’s an honor to be there and represent.” (zitiert vom Rolling Stone Nashville Now Podcast).

HalestormWegen Letzterem (und wegen der Musik, is‘ klar) waren, für Hardrock-Verhältnisse, sehr viele Frauen im Publikum am Start. Verwirrend waren in diesem Zusammenhang die teilweise sehr obskuren Zusammenstellungen von Badges auf den Jacken und Westen der männlichen Gäste, die von extrem misogynen Arschlöchern wie RAMMSTEIN oder MARYLIN MANSON geprägt waren und darauf schließen lassen, dass hier einiges nicht zu Ende gedacht wurde.

BLOODYWOOD eröffneten jedoch – und das war für Viele anscheinend der Hauptgrund des Kommens. Eine Band aus Neu-Delhi, die, wenn das so weiter geht, der bedeutsamste Musikexport aus dem Land des besten Essens der Welt werden könnte. 45 Minuten performte das Sextett, erreichte dabei fast alle BloodywoodAnwesenden und hatte eine feste Fanbase, die wegen ihnen nach Wiesbaden gepilgert war. Unverständnis war nur auf den Gesichtern von Besuchenden zu sehen, die dem Boomertum nahe waren oder anderweitig desinteressiert dreinblickten. BLOODYWOOD fabrizieren eine Mischung aus Nu Metal und dem Crossover, der diesen erst möglich machte – garniert mit Rap und traditionellen indischen Instrumenten, die in High Speed malträtiert werden. Das hatte was.

Mit Ansagen, die das weltpolitische Geschehen illustrieren, ohne allzu spezifisch zu werden, punktete vor allem der Rapper Raoul Kerr beim Publikum – sein obligatorisches „No Flag“-Shirt, ohne das er niemals auftritt, offenbart seine BloodywoodEinstellung gegenüber Patriotismus. In der Dreiviertelstunde ihrer Darbietung wurde mittels mitreißenden Gitarrenriffs, sportlichem Hip Hop sowie theatralischem Metalgesang eine Menge geboten, was mir, ehrlich gesagt, als ehemaligem 90er Crossover-Anhänger inzwischen völlig egal ist. Der Einsatz von indischen Traditionalismen war mir zu wenig um davon allzu angetan zu sein, der Anteil an Metal-Core war mir persönlich zuviel. Das ist natürlich rein subjektiv und schmälert nicht die Leistung der Formation, die gerade in Begriff ist, Indiens relevanteste international agierende Band zu werden. Trotzdem höre ich lieber „Om Shanti Om“ als BLOODYWOOD oder Musik von A. R. Rahman (zum Beispiel hier). Peace.

Bloodywood

HALESTORM danach also. Hätte mir vorher jemand gesagt, dass ich traditionellen Hardrock gegenüber Bhangra-Metal bevorzuge, hätte ich mich sehr gewundert. Aber so war es nun mal. Das Quartett um Lzzy Hale und ihren Bruder (sowie Bandgründungs-Kumpel) Arejay Hale begann sein Set mit Halestorm„Fallen Star“ vom aktuellen Langspieler – und es war gleich die Macht. Insgesamt neun Lieder wurden geboten von der letzten Scheibe, die mein Herz bisher kaum erwärmte, aber nun stetig wächst. Lzzy Hale illustrierte ihre Agenda zwischen den Songs, bei denen sie fast ständig die Gitarre wechselte und zwischendurch auch noch das Keyboard bediente, wortreich wie hoffnungsvoll – in einigen Bereichen war dies aber leider kaum zu verstehen, weil labernde Schmocks lieber ihre anstehende Finanzprüfung feilboten als der Musik zu lauschen, die sie live in nächster Zeit nicht mehr zu hören bekommen werden. Kretins. Bei den ersten drei Songs, die wir Fotografen im Graben erlebten, war von dem störenden Geschwätz noch nichts zu vernehmen – Lzzy Hale machte dort allerdings auch Halestormnoch keine Ansagen.

Los ging es als Schattenspiel vor einem riesigen Vorhang, der nach dem Fallenlassen rasch weggetragen wurde. Das Zusammenspiel der sichtlich Bock-habenden Hale mit ihrem Gitarristen Joe Hottinger war von Anfang an sehr stimmungsvoll, beide posten hoch motiviert vor den Linsen und strahlten sich dabei unentwegt an. Bassist Josh Smith, das „neueste Bandmitglied“ seit 2004, agierte anfänglich schüchterner, bevor er gleichzog. Die neun Stücke des aktuellen Drehers wurden mit zehn von anderen Alben gemischt, Lied drei war bereits das mit einem Grammy für die beste Hard Rock-Performance ausgezeichnete „Love Bites (So Do I)“ von 2012.

HalestormSpäter, als das Fotografieren vorbei war, entledigte sich Hale ihrer Jacke und sprach mit dem Publikum über „die Kraft der Musik, die uns alle gleich macht“, orderte analog zur HALESTORM-Liveplatte aus dem Wembley-Stadion eine Smartphone-Illumination vom Publikum und schmeichelte diesem mit der Tatsache, dass es gerade Mittwoch ist („Wednesday. When only the craziest people are around“). Rührende Balladen häuften sich zum Ende: Nach ihrem Signature-Song „Here’s HalestormTo Us“ folgte ein enorm beeindruckendes „Shiver“ von „Everest“, bevor mit „I Get Off“ der Sack nach 19 Stücken kraftvoll zugeschnürt wurde.

Ich habe HALESTORM jahrelang ignoriert, weil ich mit dem musikalischen Umfeld, aus dem die Band stammt, nicht mehr so viel anfangen kann und weil ich viele der Formationen, mit denen sie auf Tour waren und sind, nicht besonders mag. Big Fail. Hier stimmte alles (vom überflüssigen Drum-Solo abgesehen) und ich bin froh, sie in solch einem Rahmen erlebt zu haben. Am Ende trafen sich alle erschöpft am Frankfurter Hauptbahnhof zur gleichen Zeit wieder: Ich, der Kumpel, der CASTLE RAT & DAEVAR in Aschaffenburg genossen hatte sowie die Eintracht-Fans, die etwas weniger zufrieden gewesen sein dürften. Bands und Bahn haben geliefert, Glück gehabt.

Links: https://www.bloodywood.net/, https://www.facebook.com/bloodywood.delhi, https://www.instagram.com/bloodywood/, https://www.youtube.com/@bloodywood, https://www.halestormrocks.com/, https://www.facebook.com/halestormrocks, https://www.instagram.com/halestormrocks/, https://soundcloud.com/halestormrocks, https://www.last.fm/de/music/Halestorm

Text & Fotos: Micha

Alle Bilder:

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