BLOOD INCANTATION, ORANSSI PAZUZU, SIJJIN

Batschkapp, Frankfurt, 12.10.2025

Blood IncantationDrei Tage nach dem interessanten Spektakel um IGORRR an gleicher Stelle ging es wieder in den traditionellen Musentempel Batschkapp im Frankfurter Stadtteil Seckbach. Zum Abschluss ihrer „Absolute Elsetour“ gaben sich BLOOD INCANTATION aus Denver, Colorado noch ein einziges Stelldichein in Deutschland, nachdem sie im Frühjahr bereits Köln, Leipzig, Hamburg und München bespielt hatten. Passend zum Einfluss der „Kosmischen Musik“, derer sich die Death Metal-Band auf ihrem „Absolute Elsewhere“-Album sogar mit der Person Thorsten Quaeschning bedient (unser Bericht zu dessen Frankfurt-Auftritt mit seiner Formation TANGERINE DREAM steht hier), mit der japanischen Neo-Krautrock-Band MINAMI DEUTSCH im Vorprogramm. Sehenswerte Kombi.

Das Beiprogramm in Frankfurt war mehr Metal, allerdings nicht weniger erlesen. Neben den schwarzmetallischen Finnen von ORANSSI PAZUZU gab es zur Eröffnung das Trio SIJJIN, deren Mastermind Malte Gericke (aka Mors Dalos Hessam O Din Ra) an Bass und Gesang zusammen mit Schlagzeuger Iván Hernández neun von insgesamt 20 Jahren bei NECROS CHRISTOS okkulten Death/Doom-Metal zockte. Komplettiert wird das Trio von Ekaitz Garmendia an der Gitarre. Gericke über seine Kollegen Sijjingegenüber dem Rock Hard: „Ich habe zwei verdammte Genies in der Band, und beide sind der absolute Wahnsinn an ihren Instrumenten.“

Der Tatsache, dass die Berichterstattung zu BLOOD INCANTATION wohl schon im Frühjahr beendet wurde, war es vermutlich geschuldet dass ich irritierenderweise der einzige Fotograf im Graben war. Während man diesen sonst nach drei Liedern räumen muss, waren die Vorgaben an diesem Abend etwas anders: „Drei Songs bei ORANSSI PAZUZU“ hieß es da von Ordnerseite, „zehn Minuten bei den anderen beiden Bands“. Bei Stücken, die sich zum Teil über eine ganze LP-Seite erstrecken, wie es bei BLOOD INCANTATION häufig der Fall ist, nachvollziehbar. Aber bei SIJJIN? Soundchecks im Dunkeln, bei Sijjindenen das Licht erst anschließend angeschaltet wurde und die experimentelle, dronige Hip Hop-Band CLIPPING aus den Boxen tönte, verwirrten zusätzlich. Ich durfte später netterweise noch aus dem Publikum Bilder machen, was allerdings nur nach den ersten beiden Bands möglich war. Bevor sich bei BLOOD INCANTATION alle Gäste so eng wie möglich gen Bühne drückten, war Luft im Saal; der Gang zur Theke und zurück war noch stressfrei möglich.

Sijjin

SIJJIN beeindruckten mit einem entspannten Set voller exzessiver Hassbratzen zwischen MORBID ANGEL und SLAYER, grob gesagt. Gericke parlierte locker, dankbar wie zugewandt mit dem Publikum, bevor er in seinen Growl-Modus Sijjinschaltete und das Trio infernalisch Gas gab. Vor allem der antireligiöse Banger „Religious Insanity Denies Slavery“ von der aktuellen, zweiten Scheibe „Helljjin Combat“ rockte – Thrash meets Death Metal. SIJJIN war ein Opener par excellence.

Der Umbau dauerte nicht lange, trotzdem wurde bis nach der nächsten vollen Stunde gewartet, bis das Licht endlich ausging und die Skandinavier in fast kompletter Dunkelheit auf die Bühne traten. Die Pausenmusik davor: Erlesen (CLIPPING, wie gesagt) – aber nicht jedermanns Sache, schon gar nicht bei Metallern, so sie nicht besonders flexibel sind. Und stehen müssen. Und heiß sind auf den durchgeknalltesten Act des Abends: ORANSSI PAZUZU.

Den Finnen sagt man ja nach, zumindest musikalisch recht außergewöhnlich unterwegs zu sein – ihre Beiträge beim ESC sprechen diesbezüglich Bände. Auf das nun folgende Quintett trifft das in hohem Maße zu. ORANSSI PAZUZU entfernten sich rasch vom stark MAYHEM-beeinflussten Black Metal und Oranssi Pazuzuerweiterten ihren Sound zunehmend mit Elementen aus den Bereichen Thrash-, Stoner-, Psychedelic-Metal sowie Space- und Krautrock. Ein Solitär, ähnlich wie die Landsleute von DARK BUDDHA RISING, mit denen sie zusammen das Ensemble WASTE OF SPACE ORCHESTRA bilden.

Seit 2020 veröffentlichen sie beim Branchenriesen Nuclear Blast und sorgten damit für das „bislang sperrigste und unbequemste Album“ des Labels (Deaf Forever). Dabei sind ORANSSI PAZUZU so hyperaktiv und mitreißend, dass alles Schräge in einen Strudel mündet, der einen nicht loslässt und verschlingt. Dargebracht von fünf Musizierenden, von denen drei sogar mehrere Instrumente bedienen und dabei singen, bzw. keifen.

Oranssi Pazuzu

Ihre okkulte, psychedelische Message bleibt Muttersprachlern vorbehalten, die Gestiken des nur kurz zum Ende der 45 Minuten weniger schwach illuminierten Sängers und Gitarristen mögen Eingeweihten etwas sagen: Die Hände zum Dach Oranssi Pazuzugeformt und ausladend von sich auf das Publikum weisend, mag das ein Ausdruck von Unity im Hier wie Jetzt sein und vielleicht sogar von Dankbarkeit und Respekt gegenüber den Anwesenden. Nachvollziehbar wäre das, denn diese fraßen den Finnen aus der Hand und feierten sie verdienterweise gebührend ab. Aber noch waren nicht alle Besuchende am Start.

Die nächste Pause war weit kürzer und wurde effektiv genutzt: Zu elektronischem Krautrock bzw. „kosmischer Musik“ schlossen sich die Lücken vor dem Fotograben und es wurde verdammt eng. Als das Licht ausging und die nunmehr vor allem in Blau- sowie Gelbtönen gehaltene Bühne sichtbarer als bei den Vorgängern wurde, starteten BLOOD INCANTATION mit dem Performen ihres aktuellen Albums, welches es im Jahr Blood Incantation2024 in sämtliche Kritiker- wie Lesercharts der Metal-Presse geschafft hatte.

Komplett. Unterbrochen nur von einigen recht unaufgeregten Ansagen – „Guten Abend Frankfurt. Wir sind BLOOD INCANTATION aus Denver, Colorado“ begrüßte der Sänger und Gitarrist Paul Riedl auf Deutsch – wurde das Album in Gänze dargeboten. Viele Gäste erlebten das Spektakel nicht zum ersten Mal, wenn man die Kommentare in den Foren einschlägiger Magazine verfolgt. Ich hätte das auch gern mehrmals gesehen, obwohl das Ganze, gerade im Vergleich mit den weit spontaner wirkenden ORANSSI PAZUZU im Vorprogramm, in seiner Komplexität viel starrer und akademischer wirkte.

Blood Incantation

„Absolute Elsewhere“ ist jedoch ein hervorragendes Stück Musik, ein moderner Klassiker, bei dem es eine Freude ist, die komplexen Instrumentalläufe (mehr oder weniger) genau so serviert zu bekommen, wie sie eingespielt wurden. Anderer Ansatz als bei den Finnen, allerdings genauso begeisternd. Die Kür Blood Incantationwurde später noch mit Stücken vollzogen, die zum Teil nur als Single erschienen sind oder sogar aus Demozeiten stammen. SIJJIN’s Mors Dalos Hessam O Din Ra, der einen Gastauftritt auf „Absolute Elsewhere“ hat und mit NECROS CHRISTOS nicht ohne Einfluss auf das Schaffen von BLOOD INCANTATION zu erachten ist, kassierte noch einen dankbaren Gruß. Das war absolut groß von vorne bis hinten und rundete einen Abend ab, der mir drei neue Lieblingsbands beschert hat. Danke dafür.

Blood Incantation

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Text & Fotos: Micha

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