AU, Frankfurt, 26.09.2025
HARD SKIN – allein dieser Name dürfte Nicht-Oi!-Punk-affine Musikfans davon abgehalten haben, das Konzert am gestrigen Abend zu besuchen, legt er doch auf den ersten Blick nahe, dass hier eine besonders radikale Skinheadcombo im kultigen Club in Rödelheim gastiert. Die Wahrheit ist indes eine andere, denn HARD SKIN sind, abgesehen davon, dass sie natürlich eine antifaschistische Truppe sind, alles andere als eine traditionelle Oi!/Skin-Band, auch wenn man sich musikalisch an Genregrößen wie COCK SPARRER und den 4SKINS orientiert. Der Begriff HARD SKIN bedeutet ins Deutsche übersetzt „Hornhaut“, was man zwar als Working-Class-Statement deuten mag, zugleich aber deutlich macht, dass die Londoner weder sich selbst, noch das sehr klischeebehaftete Genre ernst nehmen. Und so kombiniert das Trio bereits seit 1996 Oi!-Punk mit sarkastischen Texten und regelmäßigen Ansprachen, die durchaus Stand-up-Comedy-Qualität haben.

HARD SKIN bestehen aus Bassist Fat Bob (alias Sean Forbes), Gitarrist Johnny Takeaway und Schlagzeuger Nipper, die alle nicht mehr die Jüngsten sind und bereits in diversen anderen Acts gespielt haben oder noch spielen. Meine erste Begegnung mit Fat Bob fand 1992 statt, als dieser mit seiner
damaligen Formation WAT TYLER im Bauwagendorf an der Borsigallee als Opener von LEATHERFACE auftrat. Bereits damals fiel bei den Ansagen Fat Bobs Humor auf. Ein Album, auf dessen Cover Michael Jackson zu sehen ist, der seinen Schimpansen oral befriedigt, sorgte zudem dafür, dass mir WAT TYLER und besonders Fat Bob in Erinnerung blieben. Einige Jahre später war die Gruppe Geschichte und Bob gründete gemeinsam mit Johnny Takeway von THATCHER ON ACID das neue
Projekt HARD SKIN, das mit „Hard Nuts and Hard Cunts“ kurz darauf sein Debüt lieferte. Bereits der Titel lässt erahnen, dass auch die neue Band von Fat Bob auf Humor und Satire setzt.
Seither sind etliche Scheiben – LPs, EPs und Singles – erschienen, von denen hier besonders das 2013er-Album „Why Do Birds Suddenly Appear“ erwähnt sei. Alle Songs wurden mit verschiedenen Gastsängerinnen aufgenommen, um ein Statement für die im Oi!-Genre unterrepräsentierten Frauen zu setzen. Mit von der Partie waren Gaye Advert (THE ADVERTS), Beki Bondage (VICE SQUAD), Debbie Smith (CURVE), Alison Mosshart (THE KILLS, THE DEAD WEATHER),
Manda Rin, Joanna Newson, Miki Berenyi und viele andere. Im Laufe der Jahre haben HARD SKIN allerlei Oi!-Hymnen geschaffen, die zum Besten gehören, was das Genre zu bieten hat und besonders bei ihren Live-Shows für eine feucht-fröhliche Party-Stimmung sorgen. Nach 30-jähriger Bandgeschichte tourt das Trio nun zum letzten Mal und machte dabei zur Freude der Frankfurter Fans einmal mehr Station in der AU.
Als Opener des Abends fungierte die aus Cardiff in Südwales stammende Hardcore-Band SYSTEM OF SLAVES, die bisher auf zwei Longplayer zurückblickt und sich aus Musikern und Ex-Musikern von Acts wie IN THE SHIT, ZERO AGAIN und anderen rekrutiert. Mir waren die Waliser bisher bis
dato völlig unbekannt, der Auftritt wusste aber zu gefallen. Geboten wurde brachialer, aber komplexer Oldschool-Hardcore, der mit vielen Breaks aufwartete und vor allem vom angepissten Gesang der Shouterin Keda geprägt wurde.
Das war kurzweilig und machte Spaß, hielt aber das Publikum, das gesellige Party-Mucke zum Mitgrölen hören wollte, nicht allzu lange im Keller des wohl ausverkauften Clubs. Der Großteil der Besucher zog es vor, die Zeit, während der Opener spielte, gemütlich in der Hofkneipe zu verbringen, die vermutlich den Umsatz ihres Jahres verzeichnete. Die Waliser kamen dennoch gut an, hatten nur leider vor HARD SKIN einen schweren Stand, da eher Oi!- denn Hardcore-Fans vor Ort waren.
Als HARD SKIN schließlich die Bühne betraten, füllte sich der Keller zusehends und platzte schon bald aus alle Nähten. Die Jungs wurden bereits gefeiert, bevor sie den ersten Akkord gespielt hatten. Los ging’s mit einer typischen Begrüßung in HARD SKIN-Manier. Fat Bob: „Are you having a good time!? No? If you want
to have a good time, then come to England, Germany is shit! Long live the Brexit!“. Die sarkastisch gemeinten Sätze spiegeln recht gut den Humor von HARD SKIN wieder, der sich durch das gesamte Konzert zog.
An anderer Stelle wurde der Veranstaltungsort gelobt. Fat Bob: „Respect this place, it’s fucking amazing! Fuck Berlin! Fuck Hamburg! We love Frankfurt!“ Fat Bob weiter: „You are fucking idiots if you believe that!“ Die ständigen Spitzen setzten sich fort, mal betrafen sie die deutsche Fußballnationalmannschaft, mal
die Direktheit der Deutschen, die Bob passend in einem Englisch mit deutschem Akzent wiedergab – British humour at it’s best! Neben Fat Bobs Ansagen wurde natürlich auch Musik geboten, das Trio präsentierte ein stimmungsvolles Greatest-Hits-Potpourri inklusive der Sauf-Hymnen „Beer and Fags“, „We Are the Wankers“, „Who’s that Boy“, Desperation Street“ und vielen anderen.
Es wurde gepogt, gefeiert und es regnete Bier – kurzum, der letzte Auftritt des sympathischen britischen Trios wurde gebührend zelebriert und war gefühlt viel
zu kurz. Mit der letzten Ansage „This is the last song, because we are old and have to go to bed!“, und dem darauf folgenden Stück endete schließlich das Konzert und somit auch das Kapitel HARD SKIN. Und das ist schade, denn kaum eine andere Band hat es auf derart einzigartige Weise verstanden, britischen Humor mit Oi!-Punk zu verbinden. Diejenigen, die beim Abschied dabei waren, dürften den Abend noch lange in Erinnerung behalten.
Links: https://www.facebook.com/systemofslaves/, https://www.instagram.com/systemofslaves/, https://systemofslaves.bandcamp.com/, https://www.last.fm/music/system+of+slaves, https://hardskin.bandcamp.com/, https://www.last.fm/de/music/Hard+Skin
Text: Marcus
Fotos: Boris, @borisschoppner
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