DRANGSAL & FINN RONSDORF

Zoom, Frankfurt, 26.09.2025

DrangsalWarum tue ich mir sowas immer noch an? Arbeitstag höllisch anstrengend, jeder Knochen tut weh. Der Weg ins Frankfurter Ostend, wohin der Traditionsclub Zoom vor Jahren aus der Innenstadt umgezogen ist, ist mit der Bahn und per Pedes langwierig sowie in meinem speziellen Fall schmerzhaft. Ebenso wie das Stehen auf Konzerten. Zum Socialising wird der Abend auch nicht taugen, meine Peer-Group hängt zuhause rum oder in der Kneipe – und wenn sie Live-Musik besucht, dann selten welche, die von Menschen fabriziert wird, die kaum älter als dieses Jahrtausend sind und die keinen Retrostiefel latschen. Obwohl das Schaffen von Max Gruber aka DRANGSAL, der 2016 mit „Harieschaim“ in Bewusstsein, Presse und in mein Leben trat, nicht gänzlich davon frei ist.

Im Gegenteil. „Harieschaim“ wird von der sogenannten Schwarzen Szene unter anderem wegen seiner THE CURE- oder THE SMITHS-Einflüsse gefeiert. (Meist) englischsprachiger Post-Punk in Frisch, passend dabei zum Zeitgeist, bei dem etliche Metaller ihre darke Seite auspackten und wavige Alternativ-Combos Drangsalins Leben riefen. Max Gruber veröffentlichte bei Spotify eine Liste seiner Einflüsse, neben zum Beispiel X-MAL DEUTSCHLAND war jede Menge Metal dabei (den man seinem Werk nicht anhört) und Pop. Auch deutschsprachiger. Auch mit Nähe zum Schlager. Jan Jekal 2016 im Rolling Stone: „Das macht DRANGSAL (…) so interessant, und deswegen ist der Vorwurf des retroseligen Epigonentums so unbegründet: Die Klangbilder, deren Gruber sich bedient, sind nicht neu, das stimmt zwar – aber er löst die Sounds aus ihrem ursprünglichen (…) Kontext und setzt sie neu zusammen“.

DrangsalMit „Zores“ erscheint 2018 sein zweites Werk, dieses Mal fast alle Stücke auf Deutsch, was später bei allen Nachfolgern Usus sein wird. „Komplettpop“ nennt das Jochen Overbeck im musikexpress, seine ebenda getätigte Aussage „Was für ein rasend interessantes Album, was für ein Typ!“ schaffte es auf DRANGSALs Wikipedia-Seite. Abgesehen von ein paar Düster-Ultras feiern alle die Sound-Erweiterung. „Exit Strategy“ dann 2021, meine Gedanken zur Platte findet man hier. Der nächste, jetzt aktuelle Tonträger folgt erst 2025 und präsentiert DRANGSAL als Triptychon: Gruber teilt von nun an Verantwortung, DRANGSAL sind eine Band geworden – bestehend aus Gruber, Lukas Korn (LYSCHKO; Gitarre) sowie Marvin Holley (Fil Bo Riva, AMELIE IN THE WOODS; Gitarre, Synthies und vieles mehr).

Drangsal (Band)Dazwischen Gastbeiträge sowie Projekte noch und nöcher – neben dem Duo mit Stella Sommer (DIE HEITERKEIT) namens DIE MAUSIS sei exemplarisch die „Supergroup“ DIE BENJAMINS erwähnt, bei denen er mit Annette Benjamin (HANS-A-PLAST), Charlotte Brandi, Thomas Götz (BEATSTEAKS) und Julian Knoth (DIE NERVEN) musiziert. Mit Mille Petrozza ist er dicke, weshalb er ein Gastfeature auf KREATORs „Hate über Alles“ hat; bei „Circus Halligalli“ flankierte er neben Tobias Forge (GHOST) im Nonnenkostüm KREATOR (zu sehen hier).

Drangsal (Band)Ein scheuklappenfreier Künstler nach meinem Gusto, den ich seit Jahren live sehen will, was bisher aber nie hingehauen hat. Also schleiche ich mich ins Zoom, mit eingeworfenen Ibus, zu lauter Leuten, die meine Kinder sein könnten, mindestens. Anscheinend bin ich der einzige Fotograf an diesem Abend, was mich wundert, aufgrund des von mir eben beschriebenen Fames des Protagonisten der Nacht. Ich höre mir die obligatorischen Verhaltensregeln an, dass ich nach drei Songs aus dem Graben soll, usw (weiß doch Bescheid) – aber ich darf danach weiter aus dem Publikum fotografieren, was mich sehr freut. Geht bei der ausladenden Form des großen Saals im Zoom ja vortrefflich. Und dann: Findet der Auftritt im kleineren Saal des Zoom statt. Der, bei dem man ab der dritten Reihe nix mehr sieht. Der mit der Riesentränke mitten im Raum, die hauptsächlich die Sicht versperrt. Der. Ohne. Fotograben.

DrangsalWas es für mich schmerztechnisch bedeutet, auf einem Platz ohne Anlehnung zu verharren um akzeptable Bilder machen zu können, vermag sich vermutlich kaum jemand vorzustellen – es reichte aus, um die Gedanken meiner Anreise heftigst zu intensivieren: „Warum tue ich mir das an?“, „Und wieso sind hier so wenige Leute am Start?“. Außer mir scheint jeder gute Laune zu haben, was fast ansteckend wäre, käme ich mir nicht mit meiner bloßen Anwesenheit schon übergriffig vor.

Drangsal

Wenigstens ist früher Showstart, Finn Ronsdorf eröffnet pünktlich um 19 Uhr, und seine Laune scheint weniger gut. Vielleicht hat er ja ebenfalls Schmerzen. Manchmal beschäftige ich mich vor den Konzerten mit mir unbekannten Acts im Vorprogramm, meistens jedoch nicht. Gerne lasse ich mich überraschen und Finn Ronsdorflasse das Geschehene einfach auf mich wirken, was häufig dazu führt, dass ich entzückt Tonträger des Supports aufkaufe, die ich später manchmal nicht mehr hören mag. Ronsdorf bringt mit seinem Blick das Publikum augenblicklich zum Verstummen und zum konzentrierten Zuhören – mit beachtlicher Klangfarbe nimmt er teils mit eigener, sparsamer Klavierbegleitung und zum Teil ganz ohne Instrument den Lisa Harresganzen Raum für sich ein.

Mucksmäuschenstill bleibt es, Ronsdorf bedankt sich nach Song Zwei für die Aufmerksamkeit. Sein Vortrag ist sehr ernsthaft, sehr theatralisch und beinhaltet jede Menge Drama mit viel Hall – das nötigt durchaus Respekt ab. Ich merke aber zusehends, das mich das alles wenig interessiert. Beim sechsten (und letzten) Stück wird er von Label-Co-Betreiberin Lisa Harres (rechts) aus Darmstadt unterstützt – es scheint ein Song über ein Beziehungsende gewesen zu sein, bei dem sich zwei berührende Stimmen nur noch, Nichtigkeiten formulierend, anschreien. Alles, was vorher bedeutsam wirkte, wurde augenblicklich zerstört. Meiner Wahrnehmung nach. Interviews mit den beiden gibt es hier und hier.

Finn Ronsdorf & Lisa Harres

Noch vor 20 Uhr läuft das Sextett, das gegenwärtig als DRANGSAL unterwegs ist, nach gemeinsamen Seitenbühnenknuddeln und längerem Intro auf die schmale Empore – zuerst die drei Unterstützenden, die mir namentlich leider nicht bekannt sind, an Bass, Schlagzeug und Elektronischem (letzteres komplett verdeckt von meinem Standort aus), dann Gruber; gefolgt von Korn und zuletzt Drangsalnoch Holley. Auch hier offenbart sich das Selbstverständnis als Band von Gleichgestellten eindrucksvoll. Der Start mit „Die Satanischen Fersen“ gerät fulminant, die gesamte Combo hat Bock. Ebenso die Menschen im Publikum, die ihren Bewegungsdrang bis eben respektvoll runtergeschluckt hatten und nun augenblicklich feiern und mitsingen.

Interessantes Phänomen: Selbst wenn ich aufgrund meiner Maladen nicht mittanzen kann, fällt mir doch irgendwann auf, dass ich den Schmerz in meinen Gelenken nicht mehr bemerke. Ich versuche von meiner unveränderlichen Position heraus mit meiner Kamera lichtbestrahlte Gesichter zu finden, es herrscht mal wieder Black Metal-Beleuchtung vor, sieht ja auch geil aus und sie untermalt Grubers definierte Armmuskeln so eindrucksvoll. Wow. Acht Stücke später gehen die Frontlichter an. Bei einem Konzert im Raum gegenüber hätte ich längst den Graben verlassen. Gruber lädt dazu ein, ihm Fragen zu stellen oder Musikwünsche zu äußern, was vor allem seine Mitstreitenden fordert, so er denn nicht alles allein macht.

Der Ton ist locker, beidseitig respektvoll bis vergnügt – auch als ein Gast fragt, ob sein aktuelles Aussehen der Grund für die fast zweijährige Pause von DRANGSAL war. Der wahrscheinlich neben mir einzige Boomer im Saal, FR-Schreiber Stefan Michalzik, hörte im Gegensatz zu mir noch einen „Meister Proper“-Vergleich (zu lesen hier). Gruber erfüllt die Wünsche („Der Ingrimm“ sogar fast komplett), bis er feststellt, dass er ja gefilmt wird und sich schämt. Solcherlei Aussagen wären vom schamlosen Gruber, der in der Vergangenheit durch mächtiges Dissen anderer Musikanten auffiel, nicht zu erwarten gewesen. Am Ende des Blocks wünscht er sich, dass jemand „Exit Strategy“ hören möchte, was selbstverständlich geschieht.

DrangsalDer folgende Part toppt den ersten nochmal durch exorbitante Spielfreude, bei der Gruber selbstvergessene Soli zockt oder bei denen seiner Kollegen Turnübungen macht. Er kann’s halt. Mit einem fulminanten „Bergab“ nebst Jam-Rock-Outro endet der reguläre Auftritt, bevor Finn Ronsdorf mit Gruber in der Zugabe die Bühne betritt und der Schlagzeuger zur Gitarre wechselt. Zu dritt performen sie eine Version von Sean Kingstons „Beautiful Girls“ zum Niederknien, wie einen Folksong. Großes Kino. Nach weiteren drei Liedern sollte dann wirklich Ende sein, doch alle möchten mehr und es gibt noch „Mein Eid“ zum Abschluss. Knapp 90 Minuten waren es unterm Strich, extrem kurzweilige, die mächtig Lust machten, sich das Ganze gleich nochmal anzuschauen. Warum tue ich mir sowas immer noch an? Genau wegen solcher Abende. Chapeau.

Links: https://finnronsdorf.com/, https://www.facebook.com/finnronsdorfmusic/, https://finnronsdorf.bandcamp.com/, https://www.last.fm/de/music/Finn+Ronsdorfhttps://www.drangs.al/https://www.facebook.com/frucadeodereierlikoer/https://www.instagram.com/drangsal/https://www.last.fm/de/music/Drangsal

Text & Fotos: Micha

Alle Bilder:

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