Waggon, Offenbach, 19.09.2025
Abschied vom Offenbacher Waggon: Ab Ende September wird es die beliebte Location für eine lange Zeit nicht mehr geben. Am vorerst letzten Konzertabend war mit den italienischen Post-Punks KILL YOUR BOYFRIEND nochmal ein echter Hingucker am Start, unterstützt vom Support MONOCHROME LIGHTS aus Mannheim. Doch zunächst zum Waggon: Für etwa drei Jahre muss die tolle, unkonventionelle Spielstätte am Mainufer Sanierungsmaßnahmen zur Verbesserung des Hochwasserschutzes weichen. Wie das viele Tonnen schwere Ungetüm fortbewegt werden kann, wäre interessant zu erfahren. Und ob die avisierten drei Jahre ausreichen (häufig zieht sich so etwas ja bei gleichzeitiger Kostenexplosion wesentlich länger hin), wird man sehen. Immerhin hatten alle Freunde der Location Glück, dass die Bauarbeiten nicht schon 2024, wie
Der Waggon (zum Vergrößern Bild anklicken)
ursprünglich geplant, begannen. So hatten wir alle 2025 noch eine komplette Konzertsaison am Waggon. Künftig werden die von dessen Team organisierten Shows zwar unter dem Motto „Waggon im Exil“ im nur wenige hundert Meter entfernt gelegenen KJK Sandgasse (übrigens auch ein klasse Spielort) und in den
Parkside Studios (die ich bisher nicht kenne) über die Bühne gehen, dennoch schwang ein bisschen Wehmut mit, dass der Koloss nach mehr als 17 Jahren nun den Standort verlassen muss.
Gegen kurz nach 20 Uhr startete zum Abschluss des Konzertreigens im Sommer 2025 der Special Guest MONOCHROME LIGHTS. Der erst vor zwei Jahren gegründeten Gruppe aus Mannheim gehören Martin am Gesang und Synthesizer sowie Christof an der Gitarre (und zuständig für das Programming) an. Der bei Bandcamp aufgeführte Bassist Sebastian war, zumindest gestern, nicht zugegen. Die Band freute sich „saumäßig“ (O-Ton Martin) bei der Abschiedssause spielen zu dürfen, und thematisch passten MONOCHROME LIGHTS recht gut zum Headliner
KILL YOUR BOYFRIEND. Eher ruhig, atmosphärisch und fernab jeglicher Aggression bereitete die Synth- und Cold-Wave-Formation den Boden für den später wesentlich schneller agierenden Hauptact des Abends. Zu den wichtigsten Einflüssen der Mannheimer dürften THE CURE zählen, ordentlich Hall auf Gitarre und Stimme erinnerten mich außerdem an Bands wie PINK TURNS BLUE, CLAN OF XYMOX und FIELDS OF THE NEPHILIM. Keine schlechten Referenzen, alle aus den Achtzigern, der Hochzeit der Wave-Kultur. Was nicht weiter verwunderlich ist, schätze ich doch sowohl das Alter als auch die musikalische Sozialisation der beiden
Künstler ähnlich ein wie beim größten Teil des Publikums, mich eingeschlossen.
Während Gitarrist Christof eher statisch agierte, bildete Martin neben ihm den lebhafteren Teil des Duos, gestikulierte im Dunst der fast im Dauerbetrieb laufenden Nebelmaschine. Die Gruppe wandele „wie ein unruhiger Geist zwischen ambivalenten Gefühlswelten von warm und kalt, von Gedrungenheit und Weite, von Melancholie und Hochgefühl“ heißt es im Promotext auf Backstagepro. Treffender kann man es kaum formulieren. Tonträger zum Mitnehmen haben die MONOCHROME LIGHTS meines Wissens noch nicht veröffentlicht (auf dem improvisierten Merchtisch auf den Waggon-Planken lagen einige Download-Codes bereit).
Im Netz, zum Beispiel auf YouTube und Bandcamp (Links dazu unten), sind aber Kostproben ihres Könnens abrufbar. Ein stimmungsvoller Opener, dem man zu Beginn seines Auftritts wesentlich mehr Zuschauer gewünscht hätte, denn richtig voll wurde es erst einige Zeit später.

KILL YOUR BOYFRIEND stammen unterschiedlichen Quellen im Internet zufolge aus Treviso oder aus Venedig. Die Homepage spricht von Venedig, also nehmen wir das als gegeben an. Eigentlich sind KYB ein Duo, bestehend aus Matteo Scarpa (Gesang und Gitarre) und Antonio Angeli (Schlagzeug). Live
stand beiden gestern Marco Bagagiolo, der eine weitere Gitarre spielte, zur Seite. Dessen Lederklamotten im RAMONES-Stil kontrastierten die Erscheinung seiner Mitstreiter, die sich im legeren T-Shirt-Look (Scarpa) und im Glitzerpulli (Angeli) präsentierten. Ein illustres Trio – einig schienen sich die drei Protagonisten allerdings darin zu sein, dass es im nächtlichen Schatten des Waggon viel zu hell war, denn alle trugen Sonnenbrillen. Coolness-Faktor: unbezahlbar.
Die Formation, die schon mehrmals im Waggon zu Gast war, ist zurzeit unterwegs auf ihrer acht Stationen umfassenden „EU Tour“, die die Band vor einigen Tagen unter anderem auch schon nach Budapest, Prag, Warschau und Brüssel geführt hat.
Fünf Langspieler und mehr als ein halbes Dutzend EPs und Singles gehen bisher auf das Konto der 2011 gegründeten Combo. Interessant ist, dass viele Lieder die Vornamen von Personen tragen, wie zum Beispiel „Nancy“, „Ulrich“ und „Lewis“. Ob Ähnlichkeiten mit lebenden oder toten Personen beabsichtigt oder rein zufällig sind, vermag ich nicht zu sagen. Die aktuellste Scheibe (ausnahmsweise mit Titeln ohne Vornamen) heißt „Disco Kills“, ist als Split-Release mit NEU OSCURO auf Vinyl erhältlich und wurde im Mai diesen Jahres veröffentlicht.
Die gestrige Show begann mit „Isaac“, gefolgt von „Jean“ und „Obsession“, dem ersten Song der neuen LP, später folgte mit „Discretion“ noch ein weiterer. Der Löwenanteil des 13 Stücke umfassenden Sets entfiel mit vier Tracks auf die Platte „Killadelica“ von 2020, die auch zu meinen Favoriten gehört. Lieder wie
„Jean“ und „Elizabeth“ haben etwas Bedrohliches und Faszinierendes zugleich. Stücke wie „Agave“, „Rudolph“ und „Charles“ (vom „The King Is Dead“-Album, gestern als Zugabe) fordern, ja zwingen dank treibender Beats und wummernder Bässe zum Tanz. So auch „Obsession“, das auf den Tanzflächen electro-affiner Clubs einschlagen dürfte.
Einmal mehr wird hier der minimalistische Ansatz von Post-Punk und Industrial zur Kunstform erhoben. Keine statische allerdings, sondern eine agile, bewegliche. Wie die (in diesem Fall drei) Akteure umeinander wirbelten, sich auf den Boden knieten, auf die Sitzbänke kletterten, die Drumsticks gen Himmel reckten – das befriedigte in höchstem Maße auch die Augen eines Konzert-Voyeurs. Ein nimmermüdes Spektakel, in
Szene gesetzt durch das stets wechselnde, farbige Licht sowie hin und wieder weißen Nebelschwaden – und das alles vor der Kulisse des stählernen Güterwagens. Was kann man sich für einen stimmungsvollen Konzertabend noch mehr wünschen? Für mich blieb da nichts offen. Es war ein extrem würdiges letztes Gastspiel vor der langen Waggon-Pause. Mögen wir alle, Band und Zuschauer, uns in ein paar Jahren am gleichen Ort wiedersehen.
Setlist: Isaac / Jean / Obsession / Mr. Mojo / Elizabeth / Agave / Xavier / Discretion / The King / Rudolph / Natasha // Alexander / Charles
Links: https://www.facebook.com/people/Monochrome-Lights/, https://www.instagram.com/monochromelightsma/, https://www.youtube.com/@MonochromeLights, https://monochromelights.bandcamp.com/, https://www.last.fm/music/Monochrome+Lights, https://killyourboyfriend.net/, https://www.facebook.com/kyboyfriend, https://www.instagram.com/killyourboyfriendband/, https://killyourboyfriend.bandcamp.com/, https://www.last.fm/music/Kill+Your+Boyfriend
Text & Fotos: Stefan
Alle Bilder:









