Das Bett, Frankfurt, 18.04.2017
Als die ARD in der Nacht vom 4. zum 5. März 1978 die zweite Rockpalast-Nacht ausstrahlte, wurde die aus Georgia/ Atlanta stammende Band MOTHERS FINEST mit einem Schlag in ganz Europa bekannt. Rockpalast? Für die Spätgeborenen: Zweimal im Jahr veranstaltete der WDR die Rocknächte des Rockpalastes als europaweit gezeigte Eurovisions-Sendung, live, ab etwa 23 Uhr mit Open End. Im Rundfunk wurde irgendwann der Stereoton dazu übertragen. Die Rocknächte waren Kult. Jeder, der sich für aufregende Musik interessierte, hing an der Glotze oder zumindest (so wie ich) am Radio unter der Bettdecke. Alles war live – eine Band konnte hier auf ewig verkacken oder zum Megahype aufsteigen. So wie MOTHERS FINEST. „Die Frage nach Platten der Gruppe führte am Montag nach der Rocknacht zu Nervenzusammenbrüchen der
Verkäufer“ weiß das Rockpalast-Buch von 1982. Dabei war der Rest der Akteure, SPIRIT sowie die Combo des ALLMAN BROTHER Dickey Betts, auch nicht von schlechten Eltern. Mit dem Funk-Rock-Soul- Crossover von MOTHERS FINEST konnte aber keiner rechnen. Sie waren in Europa noch unbekannt und ihr Stilmix schlicht bahnbrechend.
Zeitsprung, 39 Jahre später. Mal wieder Europa-Tour des Sextetts, von dem vier Mitglieder auch schon 1978 auf der Bühne der Essener Grugahalle standen. Auf Twitter postete die Band: „Going back to Europe… I should have a second home there for sure“. Teilweise leben die Mitglieder inzwischen sogar in Europa. Auch das
Rhein/Main- Gebiet wird oft beehrt, vor allem der Colos-Saal in Aschaffenburg empfing die Combo in den vergangenen Jahren mehrfach (und wird das am 9. September wieder tun). Laut Ilka, Sängerin der MOTHERS FINEST-Tributeband THERE IS NO OTHER aus Wiesbaden (mit dem amtlichen Segen des MF-Bassisten Jerry „Wyzard“ Seay), kennt in den USA kaum noch jemand die Formation, die aufgrund ihrer Vorarbeit im Crossover eigentlich weltweit Legenden-Status haben sollte.
Was ziemlich unfair ist: Selbst zu den Hochzeiten des Crossovers von sogenannten „schwarzen“ und „weißen“ Sounds in den Neunzigern, als ANTHRAX zusammen mit PUBLIC ENEMY auf Tour waren, Deutschland und die ganze Welt an rappenden Stromgitarrenbands erstickte und die live irgendwann völlig desolaten RED HOT CHILI PEPPERS zu den Superstars wurden, die sie auch heute unverdienterweise noch sind, scherte sich kaum noch jemand um Mutters Beste. Das kann an den teilweise recht unentschlossenen Alben gelegen haben, die oft entweder eine klare Hardrock- oder eine R&B-Schlagseite hatten, beides jedoch nicht immer songdienlich fusionieren konnten. Ständiger Label-Wechsel kam dazu – viele Platten von MOTHERS FINEST, die in meinem Schrank stehen, sind nicht nur bei den
Streaming-Diensten unauffindbar, sondern fehlten auch am Verkaufstisch der Band.
Nach einem kurzen Split der Truppe zwischen 1983 und 1989, in dem Schlagzeuger „B.B. Queen“ Borden Mitglied der befreundeten MOLLY HATCHET wurde, Bassist „Wyzard“ live Stevie Nicks unterstützte und Sangeswunder Joyce „Baby Jean“ Kennedy Solo-Alben aufnahm, die komplett in die R&B- und Soul-Ecke gingen, veröffentlichten MOTHERS FINEST neues Material, das in der Regel niemanden mehr interessierte. Außer, es war live aufgenommen. Den Status des Klassikers „Live“ von 1979, den man in den Achtzigern auf Partys komplett durchlaufen ließ wenn man die gute Stimmung halten wollte, konnten diese jedoch niemals erreichen. Auch nicht die späte Veröffentlichung des Rockpalast-Auftrittes von 1978.
Des Weiteren, und das ist zum Glück bei den aktuellen Live-Auftritten anders, sind die neueren Songs der Formation recht „zahnlos“, zumindest in meiner Welt. Wie auch optisch erkennbar am Schmuck der Eheleute an den Vocals, Joyce Kennedy und Glenn „Doc“ Murdock, spielt Jesus in den Lyrics oft eine tragende Rolle, ohne dabei die Intensität packender Gospelsongs zu erreichen. Am Anfang ihrer Karriere waren die Texte frecher, nicht nur in sexueller Hinsicht: Mit „Niggizz Can’t Sang
Rock ’n‘ Roll“ schuf Murdock einen ironischen Klassiker, den die Band wegen diverser Beschwerden das „N-Wort“ betreffend seit Jahren oder gar Jahrzehnten nicht mehr spielt – beim gestrigen Konzert im Frankfurter Club „Das Bett“ kam Murdock aber nicht umhin, die Titelzeile mal zu zitieren – wohl, um klar zu machen, dass zum Beispiel er selbst einen Gegenbeweis dieser These darstellt. Wie auch zahllose andere und etliche Erfinder des Rock ’n‘ Roll.
Langweilige neue Songs hier, Altersroutine dort: Das alles sind jedoch keine Argumente, einen MOTHERS FINEST-Gig zu verpassen. Ur-Gitarrist „Moses Mo“, der eigentlich Gary Moore heißt und aus verständlichen Gründen diese Information meist für sich behielt (Außer auf dem Cover von „One Mother To
Another“, auf dem er wirklich als Gary Moore benannt ist. 1983, als der gleichnamige Ire kommerziell gerade steil ging. Big Fail.) ist immer noch für exzessive Gitarrensoli wie auch für gesittet spaßige Publikumsanimation gut. Sein Nachfolger 1992, John „Red Devil“ Hayes, blieb nach Mo’s Wiedereinstieg in der Band und sorgt für Abwechslung im hardrockigen Malträtieren des Griffbretts. Komplettiert wird das Sextett durch den Sohn Kennedys und Murdocks an den Drums, Dion Derek Murdock.
Auch wenn der Kern der Combo das Rentenalter längst erreicht hat – fette Brötchen wie die ROLLING STONES backen MOTHERS FINEST nicht. Eine rein wirtschaftliche Notwendigkeit scheinen die Touren aber nicht zu sein, dafür versprühen (gerade die Ur-Mitglieder) viel zu viel Spaß an der Performance. Diese bediente zum großen Teil ebenso ergraute Devotees, die sich den stolzen Preis von 45 Euro an der Abendkasse leisten konnten und den Laden fast zum Platzen brachten. Ohne einen Support wurde mit halbstündiger Verspätung losgerockt, insgesamt 90 Minuten, mit vielen Stücken, die die Rockpalast-Goutierer nur kennen konnten, wenn sie die Band auf ihrem Weg bis heute begleitet hat. Zumindest der Typ hinter mir, der wirklich jeden Song mit seinem schauerlichen Organ begleiten musste, muss dazu zählen. Und das ist ja auch schon wieder hoch respektabel.
Links: http://www.mothersfinest.com/, https://www.facebook.com/Mothers-Finest/, https://soundcloud.com/mothers-finest-official, https://www.reverbnation.com/mothersfinest4, https://www.last.fm/music/Mothers+Finest
Text, Fotos & Clips: Micha
Alle Bilder:






