Zoom, Frankfurt, 8.07.2025
„Real Men Are Feminists“ steht auf dem Shirt einer, in der schmalen Schlange vor dem Frankfurter Club Zoom auf Einlass wartenden Person. Es ist gerade mal halb Sieben und ich wollte eigentlich am Zoom vorbeifahren um noch ein wenig Alt-Fechenheim zu betrachten, das ich trotz meines biblischen Alters noch nie besucht habe. Doch die Schlange ist mir für diese Uhrzeit dann doch bereits zu lang. Ich schließe mein Rad ab und stelle mich dazu. Vor mir, im Umkreis des erwähnten Shirts, wird hauptsächlich Englisch gesprochen und es herrscht eine ausgelassene Stimmung vor. Hinter mir parliert man bayerisch. THE KILLS ziehen also Menschen von weiter weg. Von den Nasen, mit denen zusammen ich bisher in Frankfurt dem Rock‘n‘Roll gefrönt habe, erblicke ich niemanden. Das wird übrigens den ganzen Abend lang so bleiben.

Vielleicht sind THE KILLS an denen in den letzten 25 Jahren genauso vorüber gegangen wie an mir. Merkwürdig. Das minimalistische Konzept des Duos, bestehend aus der US-Amerikanerin Alison Nicole Mosshart (aka VV) sowie dem Briten James „Jamie“ William Hince (aka Hotel) jeweils an Gitarre(n)
sowie am Mikrofon, addiert mit Sequenzen von einem Synthesizer und der Druck erzeugenden Drum-Machine, müsste all die Garagenrocker dieses Blogs eigentlich vor Ekstase hüpfen lassen.
Sechs Studio-Alben haben THE KILLS seit dem Jahr 2003 veröffentlicht, mit nicht gerade kleinen Zeitabständen dazwischen. Hin und wieder gab es immer mal einen Song in einer TV-Serie oder in einem Film. Mosshart sprang außerdem für Jack White bei den RACONTEURS ein und veröffentlichte mit diesem sowie weiterer Rock-Prominenz unter dem Namen THE DEAD WEATHER drei hörenswerte Scheiben. Hince unterstützte unlängst Iggy Pop live – neben Menschen von den RED HOT CHILI PEPPERS und GUNS N’ROSES.
Vielleicht ist das ein Grund für die bisherige Absenz des Duos in meinem Leben: So minimalistisch das musikalische Setting der KILLS auch sein mag, das Umfeld ist Yellow-Press-Rock’n’Roll. Musizierende mit zur Schau gestellter Coolness, die ebenso wie durch ihre musikalischen Extravaganzen mit Jet-Set-Gehabe auffallen. Das schmälert nicht die Qualität ihrer Kunst. Es hat aber nicht mehr viel mit dem dreckigen Rock zu tun, der wirklich noch in Garagen stattfindet oder aus solchen stammt und dem wir hier eher Aufmerksamkeit schenken. Ich gebe zu: Keines der THE KILLS-Alben begleitete mein Leben zuvor, ich gab sie mir nach und nach zwischen Ankündigung und Konzertabend und war unterschiedlich stark entzückt. Jede Platte weist Perlen auf, die beim ersten Hören schon kräftig Arsch
treten – frei von Stücken, die erst mal bloß ein Schulterzucken verursachen, ist jedoch meiner Empfindung nach auch keine. Die im Visions Magazin im November 2013 formulierte Beschreibung, „der Sound, den das Duo 2003 etabliert hat“, klänge „wie ein RAMONES-Cover von MOTÖRHEAD“ ist für mich als bekennender Ultra der beiden genannten Formationen in keinster Weise nachvollziehbar. Vielleicht aber live? Mal schauen.
Vorher mussten die Anwesenden im gut gefüllten großen Saal des Zoom, der zwar durch einen Vorhang etwas verkleinert wurde, in den ersten paar Reihen jedoch kaum noch Luft zum Atmen bot, allerdings durch die Performance von GLU. GLU ist Michael Jay Shuman aka Mikey Shoes. Bassist der QUEENS OF
THE STONE AGE, mit denen THE KILLS kürzlich in den Staaten als Opener auf Tour waren. Shuman stammt aus Los Angeles und hat als GLU bisher eine EP veröffentlicht, der man seine Hip Hop-Sozialisation stark anhört. Vier Stücke, geprägt durch seinen Sprechgesang, spartanische Elektrobeats und eine extrovertierte E-Gitarre, die an sogenannten Schweine-Rock gemahnt. Dazu eine extreme Pop-Schlagseite.
Das erinnert sehr an 90er-Crossover, der ja gerade eine kleine Renaissance zu feiern scheint, klingt jedoch moderner und eigener. Interessant. „Thank you for coming early“ raunt Mikey nach dem ersten Song, widmet den Headlinern einen weiteren („This one goes out to Jamie & Alison. I love them so much.“) und covert tatsächlich später ein Stück eines „One-Hit-
Wonders“, das heutzutage kaum noch jemand kennt: „Crush“, in den USA 1998 ein Riesenhit von Jennifer Paige. Props. Wunderbares Lied und alles andere als eine zu erwartende Wahl. Beeindruckend ebenso, wie GLU alles alleine abruft, seinen Gesang loopt und mit sich selbst im Duo oder gar Trio singt. Kurzweilige 40 Minuten liefert er ab, das Publikum ist respektvoll wie aufmerksam. Am Ende überwiegt aber eine „Ist gut jetzt“-Haltung. Die Menge ist heiß auf THE KILLS.
Die lassen den Pulk etwas über Gebühr warten, groß umzubauen ist ja eigentlich nichts. Um 21.15 Uhr starten sie endlich, nicht mit dem mitreißenden Opener des aktuellen Albums „God Games“ namens „New York“ (der wird erst später gebracht), sondern mit „Kissy Kissy“ vom Debüt „Keep On Your Mean Side“.
Mosshart bespringt die Bühnenhälfte zur rechten, Hince beackert die linke Seite. Beide schlagen auf ihre Klampfen ein, angestachelt vom Stroboskop-Licht hinter ihnen. Das sieht klasse aus, Scharfstellen beim Fotografieren bleibt aber reine Glückssache. Mein Problem. Hier haben die Akteure einen Mordsspaß auf dem Podest, und das überträgt sich auf die steil gehende Menge, bei der es vorne richtig eng wird. Bei „Love and Tenderness“ raucht es dann real, ein Verstärker kann nicht mehr. Während
Hince scherzt, dass sein Amp Geburtstag hat und schon den ganzen Tag am Trinken sei, sondiert eine aufgekratzte Mosshart die Lage, bis sie mit Schrecken erblickt, was zum kurzfristigen Songabbruch führte. Gelächter folgt. Hince stimmt noch mal an, weiter geht’s.
Lauter Highlights aus allen sechs Studio-Alben folgen – das ist eine Rockshow zum Niederknien, wenn so eine Bewegung dazu passen würde. Ab und zu haut Mosshart mal in die Tasten, meistens springt sie singend herum. Keine Bewegung wirkt wie eine Pose, sondern wie ausgelassenes Feiern, bei dem man zufällig selber für die Musik sorgt. Kumpel Mikey bekommt eine Widmung und Liebesschwüre kredenzt, ebensolche ertönen auch aus dem Publikum. Party und Liebe, fast überall.
Zum Ende der knapp einstündigen Show geschieht jedoch der toxische Moment, der selten ausbleibt, wenn viele Männer am Start sind. Jamie Hince ist es, der Verdächtiges in den ersten Reihen ausmacht und abermals einen Song unterbricht. Auf seine Weisung hin schreitet die Security ein, rettet zwei junge Frauen aus dem Pit vor einer Person, die umgehend aus dem Raum entfernt wird. Eine kurze Pause und Diskussionen folgen, dann kommen THE KILLS wieder und kredenzen eine energetische Zugabe, welche besagte Frauen hinter Mosshart auf der Bühne verfolgen dürfen. „Real Men Are Feminists“ – der Mann in der Einlassschlange hatte das Shirt mit dem korrekten Slogan an. „We’ll Meet Again“ von Vera Lynn vom Band verspricht am Ende Trost und ein Wiedersehen. Hoffentlich hat das bis dahin jeder Mann verinnerlicht.
Links: https://www.glumusic.co/, https://www.instagram.com/glu_insta/, https://www.last.fm/de/music/GLU, https://thekills.tv/, https://www.facebook.com/TheKills, https://www.instagram.com/TheKills/, https://thekills.bandcamp.com/music, https://www.last.fm/de/music/The+Kills
Text & Fotos: Micha
Alle Bilder:








