Batschkapp, Frankfurt, 20.12.2013
„When you get to my age, the candles cost more than the cake” ist der erste Satz, den Wayne Hussey (links) auf dem aktuellen THE MISSION-Longplayer “The Brightest Light” dem geneigten Hörer entgegen ruft. Ein, meiner Meinung nach, extrem guter Longplayer. Und ein sauguter Konzerteinstieg, wie sich am gestrigen Abend eindrucksvoll zeigte. Ganz leicht schwingen die verzerrten Gitarren, erzeugen eine abgeranzte, abgeklärte Atmosphäre und bringen den Blues: Gothic ist durch. In unserem Alter ist modischer Schnickschnack wurscht, beweisen muss man auch niemandem mehr etwas. Hussey fragt die Anwesenden, wer das neue Album kennt und ein paar
Arme gehen hoch. Ein sarkastischer Pruster und die Anschlussfrage: „Und wer hat’s gekauft?“ Ich melde mich streberhaft nochmal, aber er schaut schon gar nicht mehr.
Ist eh egal, wen juckt‘s. Er wird sowieso hauptsächlich die alten Lieder spielen, die, mit denen wir die 80er genossen haben. Also doch ein wenig Gothic, auch wenn es weh tut, so bezeichnet zu werden. Aber dann hätte man die Alte vom „God’s Own Medicine“-Cover nicht als Backdrop hinter dem Schlagzeug aufhängen dürfen. Oder mit drei Vierteln der Originalbesetzung
touren. Oder, witzig genug, mit den ehemals verhassten Intimfeinden von FIELDS OF THE NEPHILIM im Königreich spielen sollen (was Hussey selber einen ironischen Kommentar abrang). Oder diese Mädels im Vorprogramm dabei haben sollen… – aber der Reihe nach.Erstmal war das meine „Neue Batschkapp“-Premiere, jawohl. War ich skeptisch, ob die neue Halle dem Kult der alten das Wasser reichen kann? Nein, denn ich
finde, der Umzug war überfällig, es ging nur noch besser. Gut, dass gestern genug Platz zum Atmen da war lag daran, dass THE MISSION weitaus weniger Leute ziehen als Beth Hart ein paar Tage vorher. Aber die Möglichkeit, räumlich flexibel auf solche Situationen eingehen zu können ist schon mal ein Riesenvorteil; und der allergrößte ist, dass das „Ausverkauft“-Schild nicht ganz so schnell an der Tür hängen wird, wenn das inhaltliche Konzept bestehen bleibt. Wobei mich diesbezüglich auch nichts überraschen würde…Kurzzeitig irritiert war ich über die Wahl der Vorband EKLIPSE, was an meinem Verhältnis liegt zu der Musik, die man gemeinhin unter „Gothic“ subsummiert oder die jeden Monat in Zeitschriften wie Zillo, Sonic Seducer, usw. besprochen wird. „Gothic“ im Sinne solcher Bands, wie sie THE MISSION einmal war, oder Bands wie BAUHAUS, JOY DIVISION, die SISTERS OF MERCY natürlich… klasse, ja, das ist meins. Artverwandtem wie Industrial, Neo Folk und Post Punk kann ich auch eine Menge abgewinnen.

Die Melange mit Metal ist bisweilen ebenfalls nicht übel – bei den, respektlos benannten, „Trulla-Metal-Bands“ mit hauptsächlich weiblichem Lead-Gesang á la NIGHTWISH und Konsorten bin ich aber (meistens) draußen. Und diese Verklärung vergangener Epochen wie dem viktorianischen Zeitalter oder gar dem Mittelalter kann ich gar nicht nachvollziehen, obwohl es auch da die eine oder andere Band gibt, die ich mag. Aber auch abseits meiner Vorlieben ist es für mich nicht zu verstehen, was
ein theatralisches Streichquartett, dass Goth- und Popklassiker covert, und eine angegruftete, psychedelische Rockband wie THE MISSION gemein haben außer, dass sie in denselben Magazinen auftauchen und damit zwei Aspekte von „Gothic“ darstellen, die aufgrund ihrer Unterschiedlichkeit diesen Überbegriff überflüssig machen.Dabei machten die Ladies ihre Sache gut, waren mehr als sympathisch, ernteten beim Fachpublikum beim Covern von APOPTYGMA BERZERK verdienten Applaus und schmeichelten sich mit Tracks wie „Sweet Dreams“ in die Gehörgänge. Meins war das aber nicht. Auch den Vergleich mit den von mir meist geschätzten Kollegen von APOCALYPTICA lasse ich nicht zu:
Als die METALLICA coverten, waren sie Pioniere und machten dabei einen für die Charts untauglichen Lärm. Die Mädels von EKLIPSE covern wohlklingend geschmackssicher ausgewählte Klassiker und sind damit in meiner Welt eher auf einer Linie mit André Rieu. Aber sie sehen besser aus, auch besser als FIELDS OF THE NEPHILIM, wie Wayne Hussey später anmerkte. Vielleicht reicht das ja auch.
Als die Straßenlaternendeko vom Podest verbannt wurde hing nur noch besagtes Banner hinter der Bühne, der Rest der gotischen oder ungotischen Atmosphäre wurde
allein vom Licht besorgt. Auch wenn die Jungs alles andere als bescheiden bekleidet waren, ist das (von den FIELDS OF THE NEPHILIM damals dreist geklaute und perfektionierte) Konzept von den aus dem Nebel steigenden Spaghetti-Westernhelden längst passé. Craig Adams hat nicht nur keinen Hut mehr auf, sondern nicht mal mehr Haare und macht nebenbei ständig Faxen auf seiner Bühnenseite, was bei den SISTERS OF MERCY und bei den von ihm und Hussey gegründeten SISTERHOOD (die sich dann THE MISSION nennen mussten, weil SISTERS-Boss Eldritch Namensrechte geltend machte) undenkbar gewesen wäre.Obwohl das neue THE MISSION-Album absolut erlesen ist und zu meinen Lieblingsveröffentlichungen der Band gehört, war es Hussey mehr als klar, was am
Konzertabend angesagt war: „Sollen wir neue oder alte Lieder spielen? Ihr wollt alte Lieder, stimmt‘s? Alle wollen alte Lieder hören!“ oder etwas in der Art raunzte er dem Publikum entgegen, dabei aber nicht widerwillig wirkend. Vergleicht man die Setlisten der vergangenen Monate entdeckt man auch genug Bewegung darin, der an diesem Abend gespielte Song „Wake (RSV)“ (einen Clip dazu gibt’s weiter unten) kam zum Beispiel auf dem Rest der Tour nicht so oft zum Einsatz. Es gab kein „Garden Of Delight“ (wenn meine Erinnerung mir keinen Streich spielt), aber „Severina“ und „Wasteland“. Kein „Like A Hurricane“ von Neil Young, aber zum Beispiel „Deliverance“. Und vom aktuellen Album den „Swan Song“, der auf der
Alles in allem ein großartiges Konzert mit einem gewissen Retrocharakter, aber ansteckender Spielfreude. Keine Altherren-Veranstaltung. So und mit solchen Alben im Rücken kann das gerne noch eine Weile weiter gehen.
Links: http://themissionuk.com/wp/, https://myspace.com/themissionuk, http://www.lastfm.de/music/The+Mission, http://www.e-k-l-i-p-s-e.com/, http://www.lastfm.de/music/Eklipse
Text, Fotos & Clip: Micha
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