THE WARNING & STILL TALK

Batschkapp, Frankfurt, 17.06.2025

The WarningEs ist 18 Uhr, als ich die U-Bahn an der Station Gwinnerstraße verlasse, um mich zum Konzert des mexikanischen Trios THE WARNING in der Frankfurter Batschkapp zu begeben. Ein Trio, bestehend aus den Schwestern Daniela Villarreal Vélez (Gitarre und Gesang, manchmal Keyboard), Alejandra Villarreal Vélez (Bass, manchmal Gesang und Keyboard) und Paulina Villarreal Vélez (Schlagzeug, manchmal Gesang und Keyboard), das einen freien Tag nutzt um zwischen Auftritten bei Massenveranstaltungen wie Rock am Ring, Rock im Park, dem Hellfest oder dem Graspop noch ein Hallenkonzert zu geben. Welch ein Glück, dass man in der Nähe der Mainmetropole keine solchen Festivals abhält und Musizierende dann Club- oder Hallengigs bei uns spielen.

18 Uhr ist viel zu früh, um 19 Uhr ist Einlass – wieso also jetzt allein vor der verschlossenen Tür in der Sommerhitze brutzeln? Trotzdem schlurfe ich weiter, wo soll man auch hin in der megaöden Nachbarschaft, in der man wenigstens nächtlichen Lärm tolerieren müsste, da in unmittelbarer Nähe niemand zu wohnen scheint. Vor dem verschlossenen Tor zum Gelände steht noch niemand, weil… es ist offen? Jetzt schon? Huch. Einmal hinter dem Tor um die Ecke und es geht kaum weiter. Die Warteschlange, die sich diszipliniert um den Parkplatz The Warningder „Kapp“ sowie dem seit Corona etablierten Bereich mit den Liegestühlen schmiegt, endet kurz vor dem Eingang zum Gelände. Die nächsten Wartenden werden den Gehweg draußen mit ihren Band-Leibchen zieren müssen. Zu 90 Prozent THE WARNING-Shirts, nebenbei. Ich habe zwar keinen Underground-Act erwartet; ein wenig überrascht bin ich allerdings schon. Ich schnappe ein paar Gesprächsfetzen auf und unterhalte mich mit einem Fan aus Aschaffenburg, der mein PARADISE LOST-Shirt mag und fragt, ob die Band überhaupt noch tourt. Tut sie, eine Woche vorher gastierte sie in Wiesbaden vor KING DIAMOND souverän und wurde wie so oft nicht genügend geschätzt, meiner Meinung nach. Andere Geschichte.

The Warning

Der Aschaffenburger war, wie so viele Andere in dieser Schlange, im April bei THE WARNING in Köln und bei Rock im Park war er ebenfalls. Diverse Altersstufen begehren Einlass – viele Kinder nebst Eltern, viele Jugendliche (und viele alte Männer). Schon bei BABYMETAL in der Jahrhunderthalle neulich fürchtete ich im Vorfeld, der älteste Besucher zu sein – dass dem in The Warningbeiden Fällen nicht so war, beruhigte mich zum Teil. Es irritierte aber auch ein wenig. Ich frage nach der Vorband STILL TALK, die in Köln sowie bei anderen Gelegenheiten vor THE WARNING am Start war und aus der Domstadt stammt. Kann die was? „Klingt wie THE WARNING“ entgegnet der Aschaffenburger: „Nur weniger hart“. Okay, ich bin gespannt.

Pünktlich um 19 Uhr wird der traditionsreiche Kulturtempel, der nächstes Jahr seinen 50. Geburtstag feiert, geöffnet und gesittet geht es hinein – auch wenn die Vokabel „Ausverkauft“ auf der Homepage der Batschkapp nicht zu lesen war, gibt es keine Karten mehr und dementsprechend eng wird es drinnen. Ein Hoch auf die funktionierende Klimaanlage, von der man im Vorgängerschuppen in Frankfurt-Eschersheim nur hätte träumen können. Da war ich, wie die meisten in den ersten Reihen, noch jung und es war mir egal.

Für die Jugend von heute ist die Vorband wohl gedacht, die THE WARNING schon bei diversen Konzerten in der Vergangenheit begleitet hat: STILL TALK haben und vermitteln Spaß auf der Bühne, der sie äußerst sympathisch rüberkommen lässt. Eine halbstündige Platte mit dem witzigen Namen „St. Still TalkBanger“ haben sie neben diversen Singles bisher veröffentlicht, mit neuen Nummern fängt das ebenso halbstündige Konzert an. Dabei Titel wie „When We Were Young“, die man eher von nostalgischen Greisen erwarten würde. Ich gehöre nicht zum Zielpublikum und will auch nicht dazu gehören, obwohl alles an diesem Auftritt grundsolide sowie, wie gesagt, mega-sympathisch ist.

Besonderheiten im Sound kommen live bei mir kaum an, beim späteren Hören der Platte allerdings schon. „Emo-Pop“, sagt die Presseinfo, sei das – da klingen nette Punkbands durch, die ich respektiere aber subjektiv nicht mag. Und es werden Themen besprochen, die nicht meine sind, die Generation Z allerdings kräftig zum Mitsingen animieren. Garniert mit überraschenden wie stimmigen kleinen Einsätzen von Bläsern, die live fehlen.

Still Talk

Das In-die-Knie-gehen und dann Hochspringen, das diese Generation und die davor gerade auf Live-Events zu etablieren scheint, kann nur noch bei einem Teil der Angesprochenen körperbeherrschungstechnisch funktionieren und lässt die Boomernahen überfordert zurück. Schön, wenn man sowas noch hinbekommt und sich nicht um künstliche Gelenke einen Kopf machen muss.

Die erste Platte, die ich von THE WARNING zu Gehör bekam, war das Konzept-Album „Queen of the Murder Scene“ (2018), „das den durch unerwiderte Liebe bedingten Abstieg einer Frau in eine Psychose zum Thema hat“ (Wikipedia). Ich mochte es, obwohl ich dem Konzept wenig Aufmerksamkeit zukommen ließ. The WarningFrische Hardrock-Nummern mit einer Kommerzialität, die nicht zu Lasten origineller Kompositionen geht und damit klingt wie bereits 1000 Mal gehört.

Wir haben allerdings bereits 2025 und das Trio tourt mit dem Album „Keep Me Fed“ (2024), welches ich mehrmals hören musste um gleichermaßen mit den Songs warm zu werden. Nach zwei bis drei Durchläufen bekommt man Banger wie „Apologize“ mit dezentem Metalcore-Einschlag oder den Opener (Platte wie Gig) „Six Feet Deep“ allerdings kaum noch aus dem Schädel. Daher ist es auch zu verschmerzen, dass die Setlist aus elf Stücken der aktuellen Veröffentlichung besteht und fast alles vor dem Jahr 2022 auslässt.

The WarningDer Zuspruch von Ton Eins an ist überwältigend und riecht nach Heimspiel. „S!CK“ mit Gangshouts ist gleichermaßen headbang- wie slamtauglich, letzteres findet allerdings nicht statt. Ein paar Nummern des Vorgängers „Error“ (2022) mischen sich unter die aktuellen Stücke, weiter zurück geht es bloß in der Zugabe, welches durch „Na na na na na na na na“-Rufe bereits während des ganzen Gigs eingefordert wird: „Narcisista“ (2019) ist einer der spanischen Songs der Band, augenscheinlich der The WarningErste. In diesem wird die Anspruchshaltung der Öffentlichkeit kritisiert, als mexikanische Formation unbedingt auf Spanisch performen zu müssen.

„Narcisista“ ist nun das Signature-Stück von THE WARNING; weitere Tracks auf Spanisch folgen, von denen noch zwei am Abend zu hören sind und die zu den Highlights gehören. Ebenso wie das Gitarrenspiel- wie -solo von Daniela, die prägenden Bassläufe der immer lockerer aufspielenden und posenden Alejandra und das teilweise mit Gesang gepaarte Drumming der jüngsten Schwester Paulina. Am Ende reichen mit Händen geformte Herzchen nicht mehr und Daniela formt eines mit ihren Armen über dem Kopf. Ganz großes Rockkino, dass sich hinter den Big Playern der Zunft nicht verstecken muss. Obwohl, Quatsch: Das sind sie ja bereits.

The Warning

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Text & Fotos: Micha

Alle Bilder:

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