Carousel, Heidelberg, 25.06.2025
Dass es mich einmal ins Industriegebiet von Heidelberg verschlagen würde, habe ich nicht gedacht. Dort befindet sich ein altes, leergeräumtes Autohaus, in dem als Club „Carousel“ inzwischen Konzerte stattfinden. Eine coole Location und mit DIGGER & THE PUSSYCATS und den NEW YORK WANNABES gleich zwei coole Bands am Start – das schreit nach Teilnahme. Ob sich die Anreise in die etwa 90 Kilometer entfernte Stadt am Neckar lohnen wird, das möchte ich – ausgerechnet an einem der heißesten Tage des Jahres – herausfinden. Mit dem Intercity lässt sich die Strecke zwischen Frankfurt und Heidelberg in einer knappen Stunde bewältigen; preiswert ist der IC, sofern mit einigem Vorlauf gebucht, außerdem. Vom Hauptbahnhof sind es noch 20 Gehminuten bis zum Carousel, über die Brücke auf die andere Seite der Bahngleise und vorbei an „Mandy’s Railway Diner“. Untergebracht in einem Eisenbahnwaggon, hat die Verköstigungsstelle auch in verschiedenen Travelguides ihren Platz gefunden.

Das Carousel bietet sich auf den ersten Blick eher unscheinbar dar. Der Zutritt erfolgt durch eine Rotunde, vollverglast, versteht sich, denn hier wurden einst potentiellen Käufern blank polierte Autoträume präsentiert. Damit keine Helligkeit nach innen dringt und die Konzerte ohne Tageslicht vonstatten gehen können, befinden sich hinter den Fenstern schwarze Vorhänge. Sieht stilecht
aus, dunkeln den dahinter liegenden Raum auch gut ab – gegen die Hitze können sie indes nichts ausrichten. Die kriecht stetig mehr in den Saal, da helfen auch die später geöffneten Türen nichts.
Blick nach links: Am Rand stehen bequeme Sofas, etwas weiter hinten der Verkaufstresen für die Getränke. Auf meine Frage nach Apfelwein hole ich mir einen Korb und amüsierte Blicke der Menschen, die schon an der Theke stehen. Alles klar, got it. Frankfurt ist nicht der Nabel der Welt und wir sind hier schließlich in Baden-Württemberg. Blick nach rechts: Ein Tischkicker lädt zum gemeinschaftlichen Schwitzen ein, daneben eine Wohnzimmerlampe im Großeltern-Stil sowie eine schicke Vespa. Hübsch anzusehen, das alles. In der Mitte die Bühne, groß genug für sechs bis acht Musiker, doch wir haben es heute mit zwei Duos zu tun.
Über das eine, die NEW YORK WANNABES, haben wir immer mal wieder und auch in diesem Jahr schon berichtet (hier), sodass ich es heute dabei belassen kann, dass das Darmstädter Paar in seiner 45 Minuten währenden Spielzeit einen ausgezeichneten – im wahrsten Sinne des Wortes – Anheizer gibt. Der Schweiß rinnt in Strömen, tropft von Armen und Gesichtern der beiden Musiker
und man ahnt, dass das heute trotz eines Schwenk-Ventilators auf der Bühne richtig hart ist. Aber man kann ja seine Songs nicht langsamer spielen, weil das Wetter es verlangt. Danke für eine Dreiviertelstunde heißen Swamp-Rock.
Nach kurzer Umbaupause ist dann der Headliner des Abends, DIGGER & THE PUSSYCATS aus dem australischen Melbourne, dran. Das Duo, das sich selbst eine „shitty rock and roll band“ (Instagram) nennt, besteht aus Sam Agostino (Gesang und Gitarre) und Andy Moore (Gesang und Schlagzeug). Die beiden Freunde waren nach eigener Aussage erstmals 2004 auf Tour in Deutschland (die ersten Singles datieren ebenfalls von 2004, das Debüt-Album „Young, Tight & Alright“ von 2005) und müssen demnach schon gut über 40 Jahre alt sein.
Warum ich das erwähne? Nun, zum einen, weil die beiden Kerle wesentlich jünger aussehen und zum anderen, weil ihre Show mit „Towabohu in extremo“ völlig unzureichend beschrieben ist (unsere Fotos zeigen die Musiker, wenn sie denn mal kurz stillstanden). Wie man Ü40 noch derart herumspringen und umherrennen kann, und das bei den erwähnten Temperaturen, ist mir unbegreiflich. Vielleicht muss man Australier sein und die Sommerglut im Blut haben, um das hinzukriegen. Respekt für die körperliche Leistung, bei allen anderen etwa 60 Anwesenden hätte eine solche Anstrengung unweigerlich zu einem Kollaps geführt.
Die Musik von DIGGER & THE PUSSYCATS ist eine Mischung aus Garage Rock und Punk mit hohem Trash-Faktor. Lieder wie „Spanish Jacket“, „I Want To Be Your Slut“, „Fashion Victim“ und „Drive Like a Cunt“ sprechen das Publikum zwar ab dem ersten Takt an, so richtig rumhüpfen möchte aufgrund der Hitze verständlicherweise aber niemand. Warum auch, gibt es doch mit einem
kühlenden Bier in der Hand immer etwas zu sehen: Schlagzeuger Andy zeigt seine Sprünge an den Trommeln, bis die ursprüngliche Farbe der Jeans verschwunden und in einen großflächigen Schweißfleck übergegangen ist, und Gitarrist Sam, der ebenfalls keinen trockenen Faden mehr am Leib hat, wieselt mit nimmermüden Elan auf dem Podest und zwischen den Besuchern hin und her. Eine Show voller Adrenalin, wie ich sie ganz selten gesehen habe.
Im Programm befindet sich auch eine sehr schnelle, großartige Version des ABWÄRTS-Hits „Computerstaat“. Andy entschuldigt sich zwar, dass er kein Deutsch könne, singt das Stück dennoch mit Originaltext. Nach dem Lied entgegnet Sam auf den Applaus der Gäste, dass der Song so gut ist, dass es
eigentlich unmöglich sei, ihn „shitty“ zu spielen. Später werde ich ihm beim Plattenkauf mitteilen, dass der Schöpfer dieses Punk-Klassikers, ABWÄRTS-Mastermind Frank Z., im vergangenen Jahr verstorben ist.
Den beiden Australiern sieht man nach mehr als einer Stunde Spielzeit die Anstrengung kaum an und das Publikum ist noch nicht satt. Kurzerhand werden die beiden Trommeln in der Mitte des Zuschauerraums aufgestellt, das Kabel der Gitarre hat ohnehin eine ausreichende Länge. Drei Stücke (darunter den Killer-Song „Stab a Motherfucker“) gibt es obendrauf zwischen allen euphorisierten DIGGER-Fans, näher dran geht nicht. Anschließend dürfen sich die Musiker endlich trockenlegen, backstage ihre Wechselklamotten anziehen und wenig später am Merchtisch auftauchen.
An diesem wartet ein reichhaltiges Angebot mit mehreren Alben (Nummer Zwei bis Fünf übrigens in Deutschland beim ehemaligen Bielefelder Label P. Trash Records veröffentlicht), diversen Singles und einigen Shirts für kleines Geld – huch, eine LP plus zwei Singles nach Wahl für einen Zwanni, wo gibt’s denn sowas noch? Die am 12. Juni gestartete Tour läuft noch bis zum 29.6., nach Abschluss werden DIGGER & THE PUSSYCATS bei insgesamt 15 Auftritten neue Eindrücke aus Spanien, Deutschland, Belgien und den Niederlanden mit nach Down Under nehmen.
Viele Eindrücke durfte auch ich in Heidelberg sammeln – wer aus der Nähe kommt oder die Anreise nicht scheut, dem lege ich den Club Carousel mit seinem ungewöhnlichen Ambiente und freundlichen Personal ans Herz. Ich jedenfalls informiere mich ab sofort über anstehende Events. Die nächtliche Rückfahrt erfolgt mit der Regionalbahn. 19 Stationen in 90 Minuten, da ist man am folgenden Werktag ganz schön müde. Aber was solls – es hat sich gelohnt.
Links: https://www.facebook.com/diggerandthe/, https://www.instagram.com/diggerandthepcats/, https://diggerandthepussycats.bandcamp.com/, https://www.last.fm/music/Digger+&+The+Pussycats, https://altesauto.haus/, https://www.facebook.com/people/Carousel-Autohaus-Heidelberg/
Text & Fotos: Stefan
Alle Bilder:









