THE TUBES

Colos-Saal, Aschaffenburg, 30.07.2015

The TubesDie TUBES begleiten mich bereits seit meiner frühesten Jugend. Allerdings nicht etwa musikalisch, sondern durch Bilder von Live-Reviews, über die ich als etwa Zehnjähriger in Zeitschriften wie Rocky, Bravo und Popfoto staunte. Da gab es Männer in Bondage-Kostümen, Motorräder auf der Bühne, Go-Go-Girls und Transvestiten auf gigantischen High Heels – all dies wirkte im Vergleich zu Fotos von anderen Acts aus jener Zeit wie BOSTON, KANSAS und JOURNEY schon recht schräg. Als Teenager erwarb ich mit dem 1981er-Output „The Completion Backward Principle“ schließlich mein erstes TUBES-Album. Und war enttäuscht. Denn irgendwie wollte der weichgespülte Pop-Rock, der da aus den Boxen klang, nicht so recht zu den Bildern passen, die ich von den Magazin-Berichten der Amerikaner im Kopf hatte. Ich hatte musikalisch etwas wie ALICE The TubesCOOPER oder KISS erwartet, doch stattdessen klang der Sound für mich etwa so, als ob STYX Songs von Frank Zappa covern würden. Weitere Versuche, mit THE TUBES warm zu werden, scheiterten ebenfalls kläglich.

Seit Gründung der Formation sind nun 40 Jahre vergangen und eigentlich hatte ich meine damalige Begegnung mit den TUBES längst verdrängt. Doch je älter man wird, desto öfter besinnt man sich auf Ereignisse in seiner Jugend, seien es Bands, Fernsehshows oder Magazine und schwelgt in Erinnerungen. Zumindest geht es mir so. Und als ich las, dass die TUBES in Aschaffenburg gastieren würden, trieb mich eine Mischung aus Neugier und Vergangenheitsbewältigung auf eine Zeitreise zu einer meiner ersten Begegnungen mit der Rockmusik. Und, um es vorweg zu nehmen, ich sollte den Trip nach Unterfranken nicht bereuen.

Es war kurz nach acht, als ich den Colos-Saal betrat und zunächst einmal feststellen musste, dass sich dort nicht wie vermutet nur ein paar Dutzend Leute versammelt hatten, sondern dass der Laden aus allen Nähten platzte, was für einen Gig unter der Woche doch recht beachtlich war. Und dann ging’s auch schon direkt los, ganz ohne Vorgruppe. Auf der Bühne standen immerhin noch vier Originalmitglieder: The TubesGitarrist Roger Steen, Bassist Rick Anderson, Drummer Prairie Prince, der bereits mit Tom Waits, George Harrison und David Byrne musizierte und natürlich Sänger und Zeremonienmeister Fee Waybill (links), der Mitte der Achtziger Jahre die TUBES für acht Jahre verlassen hatte, inzwischen aber wieder mit im Boot ist. Den 2006 aus dem Leben geschiedenen Keyboarder Vince Welnick, der sich Anfang der 90er Jahre GRATEFUL DEAD angeschlossen hatte, ersetzt seither David Medd. Es fehlte lediglich Bill Spooner, Gitarrist und Haupt-Songwriter, der der Gruppe im Jahr 1989 den Rücken kehrte, um auf Solo-Pfaden zu wandeln. Jeder einzelne Musiker hat die The Tubes65 bereits überschritten, wirkte jedoch vitaler als manch junger Akteur, den ich bereits live erlebt habe.

Da dies meine erste Live-Begegnung mit den TUBES war, fehlt mir der Vergleich zu früheren Gigs. Fest steht aber, dass die einst extrem aufwändig choreographierten Shows, die fast schon mehr Rock-Theater als Konzert waren und für deren reibungslosen Ablauf es einer 35-köpfigen Crew bedurfte, bereits in den Achtzigern abgespeckt wurden, da die Band mehr in die Show investierte, als diese finanziell einbrachte. Anno 2015 besteht sie letztlich nur noch darin, dass Sänger Waybill etwa alle drei Songs in unterschiedliche Kostüme schlüpft.

The TubesZur Eröffnung wurden mit „This Town“ von Frank Sinatra und „Town Without Pity“ von Gene Pitney zwei klassische Swing-Songs dargeboten, die einen gelungenen und atmosphärischen Einstieg in die Welt der TUBES lieferten. Dabei präsentierte sich Waybill im schicken 60s-Entertainer-Zwirn, den er nach einem Medley bekannter Themes von Krimi-Serien wie „Dragnet“ und „Perry Mason“ gegen eine Zwangsjacke tauschte. Diese stellte eine thematische Verbindung zu Liedern wie „Mr. Hate“, „Amnesia“ und „Life is Pain“ dar. Für „Mondo Bondage“ zeigte sich der Frontmann in schwarzer Lederhose, freiem Oberkörper und mit Metall-Maske, bei „What Do You Want From Live“ trat er im markanten 70er-Jahre-Showmaster-Outfit auf. Bei Sushi Girl“ agierte er im Kimono und mit einer „Ungeheuer vom Amazonas“-Maske und bei „Boy Crazy“ und „White Punks on Dope“, dem letzten Song des offiziellen Sets, trat er als Drag-Queen mit Monster-High-Heels in Erscheinung.

All dies garantierte schon mal optisch für einen kurzweiligen Abend, doch die TUBES sind weitaus mehr als eine bloße Kostümkapelle, die mit den wechselnden Outfits lediglich eine Bespaßung des Publikums bewirken will. Tatsächlich steckt hinter jedem Text ein kritischer Unterton, der sich in vielen Fällen gegen das Medium Fernsehen und dessen manipulative und degenerierende Wirkung richtet. Doch auch darüber hinaus ließ Waybill keine Gelegenheit aus, sich zwischen den Songs über alles Mögliche zu äußern. Das Wort „Fuck“ fiel dabei so häufig, wie ich es selten bei einem Konzert erlebt habe.

The TubesDer Sänger wetterte über Smarts, die die linke Spur der Autobahn blockieren, beschwerte sich darüber, was denn „Game of Thrones“ für ein Bockmist sei und wies darauf hin, dass früher vieles schlecht war, heute aber alles noch viel schlimmer. Es hatte fast schon etwas von einer Spoken-Word-Performance, was der Mann am Mikro da von sich gab und falls sich der Gute jemals zu einer solchen Tour entschließt, bin ich gerne dabei. Interessant war, dass die Setlist fast The Tubesausschließlich Songs des Debüts und des fünften Albums „The Completion Backward Principle“ enthielt, lediglich „No Way Out“ von der vierten LP „Remote Control“ und „She’s a Beauty“ vom sechsten Werk „Outside Inside“ stellten Ausnahmen dar.

Nach „White Punks on Dope“ hätte ich allerdings besser gehen sollen, denn als Zugaben wurden die beiden fürchterlichen Mainstream-Gurken „She’s a Beauty“ und „Talk to Ya Later“ dargeboten, die musikalisch irgendwo zwischen LOVERBOY und HUEY LEWIS & THE NEWS angesiedelt sind. Da stellten sich mir als Punk-Fan dann doch die Nackenhaare auf. Letztlich war dies für mich aber der einzige Makel eines ansonsten kurzweiligen und mehr als stimmungsvollen Gigs.

The TubesMit den Alben kann ich mich, abgesehen vom herausragenden Live-Werk „What Do You Want From Live“, zwar nach wie vor nicht anfreunden, doch auf der Bühne würde ich mir die TUBES jederzeit wieder ansehen, nicht zuletzt wegen Fee Waybill, der ohne Zweifel zu den besten Frontmännern des Rock’n’Roll-Zirkus gehört. Am Ende ließ dieser noch verlauten, dass im kommenden Jahr ein „Musikladen“-Auftritt der Band, der von Radio Bremen 1981 aufgezeichnet wurde, als aufwändige DVD/Blu-ray- Edition erscheinen wird und man aus diesem Grund noch einmal an gleicher Stelle spielen werde. Na dann, bis nächstes Jahr!

Links: http://www.thetubes.com/, https://www.facebook.com/thetubes, http://www.lastfm.de/music/The+Tubes

Text & Fotos: Marcus

Alle Bilder:

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