AGROTÓXICO & RAWSIDE

AU, Frankfurt, 18.07.2025

AgrotoxicoSüdamerikanischer Besuch in der Frankfurter AU: AGROTÓXICO, die neben CÓLERA und RATOS DE PORÃO hierzulande wohl bekannteste Punk-Band Brasiliens, gastierte im kultigen Keller und sorgte für einen feucht-fröhlichen Party-Abend. Das Quartett beehrt Europa zwar regelmäßig, aber Frankfurt steht dabei nur selten auf dem Tourplan. Zuletzt war es wohl 2007, als sich der Vierer – damals im ExZess – in der Mainmetropole einfand. Als Opener hatten die Südamerikaner die Coburger RAWSIDE im Gepäck, ein Urgestein der zweiten deutschen Punk-Generation, das seit 1993 aktiv ist und inzwischen auf sieben Longplayer zurückblickt. Im Jahr 2009 entstand eine Split-Single mit AGROTÓXICO, was erklärt, warum die Oberfranken als Special Guest der diesjährigen Tour fungierten.

RAWSIDE sind in unseren Gefilden keine Unbekannten, waren die Jungs doch unter anderem bereits 1998 auf dem AU-Fest und 2019 als Opener von THE EXPLOITED im Club „Das Bett“ (Bericht dazu hier) zu sehen. Von der Ur-Formation ist lediglich noch Shouter Henne mit von der Partie, sein Sohn Henne Jr. sitzt am Schlagzeug. RAWSIDE sind – und dies stellt eine weitere Gemeinsamkeit mit den Südamerikanern dar – eine sehr politische Band, die ihre Botschaften nicht mit philosophischem Feingefühl, Rawsidesondern mit dem verbalen Vorschlaghammer präsentiert. „(Nieder mit dem) Faschopack“ und „Widerstand (gegen Deutschland)“ seien dafür als Beispiele genannt.

Die Combo begann ihre Karriere als klassischer, archaischer Deutschpunk-Act und hat sich im Lauf ihres über 25-jährigen Bestehens zum brachialen Hardcore-Quartett New Yorker-Schule gemausert. Die Tatsache, dass die Jungs bereits seit ihrer Gründung sowohl Songs mit deutschen als auch mit englischen Lyrics schreiben, bestärkt den Eindruck umso mehr. „Menschenfresser“ heißt die aktuelle Scheibe, die 2024 erschien und eine wilde, wuchtige Mischung aus Hardcore, Punk und Metal-Elementen liefert. Hier und da („Klipp Klapp“) sind gar Riffs zu hören, die an Thrash-Acts wie SLAYER erinnern.

Rawside

Mit diesem Album im Gepäck konnte am gestrigen Abend nichts schiefgehen. RAWSIDE machten gehörigen Druck, spielten auf den Punkt und Frontmann Henne schrie den AU-Besuchern seine wütenden Hasstiraden voller Inbrunst entgegen. Passend dazu gab’s gleich zu Beginn des Gigs eine Einlage, mit der das RawsidePublikum nicht gerechnet hatte: Henne warf eine Motorsäge an, sprang von der Bühne und lief mit dem Gerät durch die verdutzt dreinschauende Gästeschar. Natürlich befand sich aus Sicherheitsgründen keine Kette auf der Säge, dennoch sorgte die Aktion unter den Anwesenden für einen Schockmoment und der Benzingeruch sollte noch gut zehn Minuten in der Luft liegen. Einer der Songs wurde der vor kurzem verstorbenen Frankfurterin Ilijana gewidmet, die Teil der Szene und sicherlich vielen Besuchern bekannt war – eine schöne Geste. Unter dem Strich war’s ein starker Auftritt der Jungs aus Coburg, die wie die zum Einsatz gekommene Motorsäge als gut geölte Hardcore-Punk-Dampfwalze in Erinnerung bleiben werden.

Nach dem Auftritt von RAWSIDE war erstmal Abkühlen an der Furcht-Bar im Außenbereich angesagt, denn die Temperaturen am gestrigen Abend waren tropisch und im kleinen Keller war’s um so wärmer. Das Schöne an Konzerten in der AU ist, dass die auftretenden Bands stets an ihren Merch-Ständen verweilen Agrotoxicound man daher schnell mit ihnen ins Gespräch kommt. So bot sich mir die Gelegenheit, ein paar Worte mit AGROTÓXICO-Gründer, Gitarrist und Sänger Marcos zu wechseln. Er erzählte mir, dass er in seiner Heimatstadt São Paulo eine linke Punk-Kneipe betreibt und bereits seit 1989 mit Red Star ein eigenes Plattenlabel unterhält, auf dem nicht nur die eigenen Scheiben, sondern auch schon Alben von Acts wie D.O.A., RASTA KNAST, ÓDIO SOCIAL und vielen anderen erschienen sind. Der AgrotoxicoBrasilianer verriet zudem, dass sich der etatmäßige Drummer Edu ein paar Wochen zuvor in Berlin bei einem E-Scooter-Unfall den Arm gebrochen hatte und die Band daher kurzfristig ihren ehemaligen Drummer Pedro reaktivierte. Der lebt glücklicherweise in Hamburg, hatte spontan Zeit und saß nun statt Edu hinter der Schießbude – der Verletzte hütete derweil den Merch-Stand.

Nach einer halbstündigen Pause war es dann soweit: AGROTÓXICO betraten die Bühne und entfachten einen musikalischen Orkan wie ich ihn schon lange nicht mehr erleben durfte. Die ebenfalls 1993 gegründeten Südamerikaner lieferten eine brutale Mischung aus Hardcore, Punk und Crust, die sich durch kurze, prägnante Songs auszeichnete, die ausnahmslos in Portugiesisch dargeboten wurden und dem Sound somit noch ein exotisches Flair hinzufügten.

Agrotoxico

Inhaltlich, das konnte man den Ansagen von Marcos und Jeferson entnehmen, die abwechselnd als Sänger agierten, ging’s um Themen wie die brasilianische Landespolitik, das weltweite Problem des wiedererstarkten Faschismus, die Ausbeutung der Dritten Welt und natürlich auch um die Politik eines Donald AgrotoxicoTrump. Bei einem der letzten Lieder ergriff Jeferson eine von RAWSIDE mitgebrachte Flagge mit der Aufschrift „Nieder mit dem Faschopack“, richtete ein gepflegtes „Fuck You!“ an alle Faschisten im Allgemeinen sowie an Brasiliens Ex-Präsident Jair Bolsonaro und Donald Trump im Besonderen, bevor mit „Inimigo Real“ (zu Deutsch „Der wahre Feind“) einer der besten Songs des Gigs folgte.

Nachdem RAWSIDE-Shouter Henne bei einem anderen Track nochmal auf der Bühne auftauchte, um den Refrain mitzugrölen, war kurze Zeit später schließlich Schicht im Schacht. Der Auftritt machte großen Spaß und die Begeisterung, mit der die Brasilianer – allen voran die beiden Frontmänner – zu Werke gingen, war gleichermaßen sympathisch wie mitreißend. Es bleibt zu hoffen, dass sich AgrotoxicoAGROTÓXICO nicht wieder knapp 20 Jahre Zeit lassen, bis sie uns das nächste Mal beehren. Ein kleiner Tipp am Rande: Die (noch) aktuelle Scheibe der Südamerikaner nennt sich „Era Do Caos“, ist hervorragend und auch hierzulande zum günstigen Kurs zu erwerben. Just erschienen ist das Best-of-Album „Anarchy’s Guide to the Apocalypse“, das als Einstieg ins AGROTÓXICO-Universum an dieser Stelle wärmstens empfohlen sei. Até mais, rapazes!

Links: https://www.rawside.com/, https://www.facebook.com/rawsideofficial/, https://www.instagram.com/rawside_official/, https://rawside.bandcamp.com/music, https://www.last.fm/music/Rawside, https://www.facebook.com/agrotoxicohc/, https://www.instagram.com/agrotoxicohc/, https://www.youtube.com/c/AgrotoxicoOfficial, https://www.last.fm/music/Agrotoxico

Text: Marcus
Fotos: Boris, http://www.borisschoeppner.de/

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