Batschkapp, Frankfurt, 21.07.2025
Zwei Bands, sechs Musiker und dennoch keine Trios – dies gab es am gestrigen Abend in der Frankfurter Batschkapp zu sehen, als dort die US-amerikanischen Underground-Legenden MELVINS und REDD KROSS gastierten. Und obgleich der Name der MELVINS deutlich prominenter ist, so ist doch der Opener REDD KROSS die ältere Formation des Packages, das rund 500 Besucher in die Konzertlocation im Stadtteil Seckbach lockte. REDD KROSS begannen ihre Karriere im Jahr 1978 im kalifornischen Hawthorne, damals noch unter dem Namen THE TOURISTS (nicht zu verwechseln mit der englischen Wave-Band um Annie Lennox und Dave Stewart), bevor sie sich wenig später in RED CROSS umbenannten und kurz darauf schließlich den noch heute gültigen Namen einführten.

Damals spielten die Amerikaner noch klassischen California-Punk im Stile von BLACK FLAG oder GERMS. Von dieser Phase kündet eine 1981 erschienene EP, die, wenn man Punk zu seinem Lieblingsgenre zählt, die beste Veröffentlichung von REDD KROSS markiert. Die Songs entstanden, als die Brüder Jeff und
Steven McDonald, die bis heute die Truppe betreiben, noch zur Schule gingen und ihre ersten Kompositionen gemeinsam mit Gitarrist Greg Hetson (CIRCLE JERKS, BAD RELIGION) und Drummer Ron Reyes (in den Jahren 1979 und 1980 Sänger von BLACK FLAG) schufen.
Songs wie „I Hate My School“ und „S & M Party“ zeichnen sich durch ebenjenen pubertären Charme aus, der auch dem frühen Schaffen von Acts wie den ADOLESCENTS und D.I. anhaftet. Mit der EP war die Punk-Phase von REDD KROSS allerdings bereits Geschichte. Alle nachfolgenden Alben – und dies ist das Besondere an dem Quartett – präsentieren sich äußerst experimentierfreudig, sodass es schwer fällt, die Combo in eine bestimmte Schublade zu packen.
Den ersten Longplayer „Born Innocent“ (1982) mag man als STOOGES-orientierten Garage-Rock verorten, „Neurotica“ von 1987 bietet eine Mischung aus Psychedelia und Glam-Punk und ab den 1990er Jahren drifteten die Kalifornier in immer seichtere Gefilde ab und mischten Power-Pop mit Grunge
und anderen Spielarten des Mainstreams. Musikfans, die solchen Entwicklungen ihrer Lieblingsbands offen gegenüberstehen, dürfte der gestrige Gig gut gefallen haben. Wer sich allerdings auf das schräge, kauzige Gesicht von REDD KROSS gefreut hatte, ging leer aus.
Geboten wurden mit einer Ausnahme Songs ab dem Jahr 1990, wobei das Gros der Stücke vom aktuellen, selbstbetitelten Werk stammte. Mit „Linda Blair“ fand sich lediglich ein Lied des 1982er Debüts in der Setlist wieder, das über jenen rauen Charme der frühen Schaffensphase verfügt. Mit „It Won’t Be Long“ gab es außerdem ein BEATLES-Cover und mit „Crazy World“ eines der Eighties-All-Girl-Band FRIGHTWIG. Für mich klang das nach austauschbarem, weichgespülten 90s-Alternative Rock, der schlicht zu wenige Facetten bot, um mich begeistern zu können.
Immerhin hatte sich das Quartett in Schale geworfen und stand in Anzügen auf der Bühne, die aus der Ferne an das berühmte Elvis-Outfit vom 1973er „Aloha“-Konzert erinnerten. So richtig mochte all dies jedoch nicht zu dem passen, was da mit den MELVINS folgen sollte. Aber vielleicht war ja der Plan, dem Publikum eine Art Himmel-und-Hölle-Erlebnis zu bieten und es erst mit den weiß gekleideten Pop-Barden in Sicherheit zu wiegen, bevor die MELVINS dann die Tore der Hölle öffnen würden…

Die Idee klingt nett, doch die Tatsache, warum beide Acts gemeinsam durch Europa touren, hat andere, wesentlich pragmatischere Gründe: Gleich zwei Mitglieder der MELVINS, Bassist Steven McDonald und Schlagzeuger Dale Crover, stehen nämlich zugleich auch in Diensten von REDD KROSS, was eine
Kostenersparnis beim Reisen garantiert. Dass das Ganze musikalisch nicht wirklich zusammenpasst, nahm man dafür in Kauf. In den USA waren die MELVINS im April und Mai 2025 mit einem passenderen Special Guest auf Tour – sie teilten die Bühne mit NAPALM DEATH. Gesehen hatte ich die MELVINS zuletzt 2015 im Zoom, 2014 gab sich MELVINS-Frontmann Buzz Osborne alias King Buzzo solo im Mousonturm die Ehre (Bericht hier) und 1991 hatte ich die Amerikaner im Negativ erleben können.
Auch wenn die Mannen um King Buzzo gelegentlich in den Inkarnationen MELVINS LITE (mit Kontrabass) und MELVINS 1983 (mit Dale am Bass statt hinterm Schlagzeug) agieren, so hat sich doch musikalisch seit Gründung der Band in den frühen 1980er Jahren wenig Grundlegendes verändert. MELVINS
waren und sind ein grimmiger Bastard aus frühem BLACK-SABBATH-Doom, hoffnungsloser Finsternis und einem schlechten Trip während man einen Presslufthammer bedient. Die Songs sind oftmals lang, sperrig und vertrackt, manchmal aber auch rau und primitiv – wie ein klobiger Hieb mit einem Vorschlaghammer, der den Zuhörer genau zwischen die Augen trifft. In der Regel agiert die Band als Trio mit King Buzzo als Sänger und Gitarrist, Dale Crover als Drummer und Steven McDonald
als Basser, am gestrigen Abend sorgte jedoch noch ein weiterer Schlagzeuger für das rhythmische Donnergrollen, das neben den wuchtigen Gitarrenriffs zum Markenzeichen der MELVINS gehört. Links neben Crover (Foto oben) saß nämlich Coady Willis hinter dem zweiten Schlagzeug, den man als Mitglied von HIGH ON FIRE und BIG BUSINESS oder als ehemaligen Drummer der MURDER CITY DEVILS kennen könnte.
Zum ersten Feedback-Sound aus Buzzos Gitarre legten die beiden Schlagwerker sogleich los und sorgten mit ihrem Doppelgewitter für einen Rhythmus, der einer langsam auf Touren kommenden Dampflok glich, die fortan ihre Fahrt in Richtung Hölle aufnehmen sollte. Als Lokführer fungierte dabei King Buzzo,
gewandet in eine Magierrobe, die aus dem Nachlass von Aleister Crowley hätte stammen können. Sound und Optik der Band wirkten, als ob David Lynch eine drogenschwangere Version von „Der Zauberer von Oz“ unter dem Titel „Der Zauberer von Buzz“ in der Unterwelt aufführen würde – große Kunst.
Die Songs der Setlist rekrutierten sich dabei aus nicht weniger als neun (!) Alben, angefangen bei Referenzwerken wie „Bullhead“ (1991), „Houdini“ (1993) und „Stoner Witch“ (1994) über weniger bekannte wie „(A) Senile Animal“ (2006), und „Nude With Boots“ (2008) bis hin zum aktuellen Dreher „Tarantula Heart“ (2024). Somit boten die MELVINS eine karriereumfassende Auswahl an dräuenden Riffmonstern, die den Abend zu einer düsteren Messe werden ließ.
Diese machte deutlich, warum die Band als Wegbereiter unterschiedlichster Musikstile – angefangen beim Doom, über den Grunge bis hin zum Sludge-Metal – heute gefeiert wird. Es war ein denkwürdiger Konzertabend zweier Acts, bei dem besonders die MELVINS untermalten, dass ihr Kultstatus mehr als gerechtfertigt ist.
Links: https://reddkross.com, https://www.facebook.com/ReddKross/, https://www.instagram.com/reddkross/, https://reddkross.bandcamp.com/, https://www.last.fm/de/music/Redd+Kross, https://www.themelvins.net/, https://www.facebook.com/melvinsarmy, https://www.instagram.com/melvinsdotcom/, https://melvinsofficial.bandcamp.com/, https://www.last.fm/de/music/Melvins
Text: Marcus
Fotos: Micha (25), Stefan (5)
Alle Bilder:









Habe erst gestern gesehen, dass Redd Kross Vorband sind, und finde dieses Package auch völlig unpassend. Ich werde vermutlich zu den wenigen gehören, die beide Bands lieben, aber ich befürchte ein wenig, dass der gut gelaunte Alternative Rock von Redd Kross bei den meisten Melvins-Fans genauso „gut“ ankommen wird wie beim Verfasser dieses Berichts. Ich finde übrigens die frühen Punk-Sachen von RK eher schrottig (ich höre viel Punk, aber die waren als Punkband einfach nicht gut), am besten ist die Phase von Neurotica bis Show World. Das aktuelle Album kenn ich noch gar nicht, muss ich morgen vorm Konzert noch schnell hören. 😉