ALEX HENRY FOSTER AND THE LONG SHADOWS & GLASGOW COMA SCALE

Colos-Saal, Aschaffenburg, 28.08.2025

Alex Henry Foster & The Long ShadowsIch muss zugeben, die im Jahr 2006 in Varennes in der kanadischen Provinz Quebéc gegründeten YOUR FAVORITE ENEMIES nie beachtet zu haben, obwohl sie bereits 2007 bei uns in Deutschland auftraten und ihnen vom Billboard Magazine 2008 eine glänzende Zukunft prognostiziert wurde. Große Teile jener Band ordnen sich inzwischen ihrem Sänger Alex Henry Foster musikalisch unter, für den sie als ALEX HENRY FOSTER & THE LONG SHADOWS seit 2020 fungieren, nachdem dieser 2018 sein erstes Soloalbum veröffentlichte. Dieses wurde inspiriert durch den Tod seines Vaters und sollte eigentlich nicht groß betourt werden. „Schwindelerregend, energetisch, von atemberaubender Schönheit“ schwärmte Ingo Scheel seinerzeit im Visions von der Platte, die 2020 weltweit herausgebracht wurde.

Einen Auftritt mit elfköpfigem Ensemble gab es dann allerdings doch – auf dem 40. Internationalen Jazz Festival von Montréal 2019. Vor ausverkaufter Kulisse spielten Foster & Co. das gesamte Debütalbum durch plus das neue Stück „Son Of Hannah“. Die Kritiken zur aufgezeichneten Performance waren euphorisch. Alex Henry Foster & The Long Shadows2021 – also mitten in der Corona-Pandemie in der fast konzertlosen Zeit – wurde sie unter dem Titel „Standing Under Bright Lights“ veröffentlicht.

Bei einigen Printmagazinen wie Visions oder Eclipsed gab es zu dieser Zeit bereits eine kleine Fan-Fraktion, auch in der Gothic-Presse tauchte Foster mit seinem kinematographischen Post-Rock mit Shoegaze-Elementen sowie jeder Menge Pathos hin und wieder auf. Beim Rest herrschte meist Schweigen. So verliefen sich nicht allzu viele Menschen am 17. Juni 2022 in den Frankfurter Club Nachtleben. Foster selbst sprach am gestrigen Abend in Aschaffenburg von „20 bis 30 Menschen“ damals, als er eine Liebeserklärung an die Anhänger in unserer Region aussprach und damit Frankfurt, Weinheim und Aschaffenburg in einen Topf warf (no offence, alle schick).

Alex Henry Foster & The Long ShadowsLangsam, aber stetig wuchs die Fangemeinde – wer einmal bei Foster war, kommt wieder, wovon auch die Vielzahl an zur Schau gestellten Foster-Shirts Kunde tat. Zwar standen im Colos-Saal die Bistrotische herum, um die Lücken im Publikum zu stopfen und dem meist betagteren Publikum eine Möglichkeit zum Verschnaufen zu bieten – trotzdem war der Gig, gerade im Vergleich zu den vergangenen im Raum Rhein/Main-Neckar, sehr gut besucht. Für mich persönlich, der ich die früheren Gigs in Frankfurt und Weinheim mit meinem Kumpel Ralf besuchen wollte, war es trotz meiner fortgeschrittenen Bewegungseinschränkung Pflicht, mit der Bahn nach Aschaffenburg zu reisen und selbst mitzuerleben, was Ralf im Nachtleben zum Fan mutieren ließ. Damals konnte ich nicht mitkommen. Beim Weinheim-Gig war Ralf nicht mehr am Leben.

Alex Henry Foster & The Long ShadowsVerlust durch Tod, Trauer, Krankheit und Genesung sowie die damit verbundenen, sich verändernden Sichtweisen auf das Leben ziehen sich wie ein roter Faden durch das Schaffen von Alex Henry Foster. Damit connected er anscheinend ziemlich gut mit Teilen seines Publikums, zumindest mit mir und augenscheinlich einigen anderen – doch dazu später mehr. Der Abend begann nämlich mehr als anregend mit dem aus Frankfurt kommenden Trio GLASGOW COMA SCALE, das wohl, wie Alex Henry Foster in seinem Blog schreibt, von ihm höchstselbst eingeladen wurde, um zu eröffnen: „I had the chance to chat with the super-friendly guys from Glasgow Coma Scale before their amazing set, a band who (…) I had the privilege of personally inviting to partake in the celebration of life with us.“

Wikipedia verrät, dass eine Glasgow Coma Scale „eine einfache Skala zur Abschätzung einer Bewusstseinsstörung“ darstellt, die besonders nach einem Trauma verwendet wird. Passt. Der instrumentale Stoner-Rock, der mich mehr an Formationen wie die GRAILS und RUSSIAN CIRCLES erinnerte als z. B. an Glasgow Coma Scaledie von mir gleichsam geschätzten SAMSARA BLUES EXPERIMENT oder COLOUR HAZE, baute sich genretypisch langsam auf um in trance-artige Saiten-Akrobatik zu münden, die von elektronischen, krautigen Soundspielereien untermalt wurden.

Das war nicht nur großes Kino im Wortsinn (im Hintergrund liefen unter anderem bewegte Bilder von Straßenkämpfen), sondern ebenso ansteckend wie mitreißend. Band und Publikum peitschten sich trotz anfänglicher, unerwünschter Soundknarzerei immer mehr auf und ließen alle Beteiligten nach knapp 30 Minuten höchst zufrieden zurück – mit Ausnahme vielleicht des Schlagzeugers Lala Adamowicz, der wegen des imposanten instrumentalen Aufbaus des Headliners in einen nur schwach Glasgow Coma Scalebeleuchteten Randbereich gedrängt wurde.

Sichtbar für alle waren nur die Brüder Piotr und Marek Kowalski, die auf ihren T-Shirts ihre Affinität zu weit derberem Geballer zur Schau stellten, welches sich kaum auf die eruptiven Klanglandschaften ihrer aktuellen Formation auswirkten. Einige Zeit später verriet Alex Henry Foster seinem Publikum, dass er „mindestens drei Stunden spielen müsse“ um das Level von GLASGOW COMA SCALE zu halten. Am 31. August werden sie auch das Frankfurter Museumsufer rocken. Auf Alex Henry Foster treffen sie wieder Mitte November auf dem Gloomaar Festival (mehr dazu hier), wie immer mit einem Line-Up vom Allerfeinsten. Kumpel Ralf war regelmäßig dort.

Glasgow Coma Scale

Beim anschließenden, knapp 150 Minuten dauernden Gig von Alex Henry Foster wurde imposant gespielt, geherzt, gesprochen und beschwört. Sechs Musikanten plus ein Glubschi (Foto in der Slideshow unten) waren am Start; viele, wie Herr Foster selbst, spielten mehrere Instrumente. Bis auf den neuen Schlagzeuger Oli Alex Henry Foster & The Long ShadowsBeaudoin, der sich sehr gut eingelebt zu haben scheint, waren alle Beteiligten bei der Vorgängerband YOUR FAVORITE ENEMIES aktiv und meist multiinstrumental unterwegs. Der Bassist Jeff Beaulieu und der Gitarrist am rechten Bühnenrand, Ben Lemelin, waren „nur“ mit einem Instrument beschäftigt – die von Sef Lemelin an der linken Seite des Podests gespielte Gitarre wurde dagegen häufiger vom Moog-Synthesizer ersetzt. Foster selbst malträtierte seine Gitarre mit oder ohne Geigenbogen, spielte außerdem Moog, sang, sprach und beschwor. Getoppt wurde das noch von Miss Isabel, die „alles spielt“ (Foster) – in diesem Fall Flöte, Trompete, Keyboard, Klarinette plus Gesang.

Alex Henry Foster & The Long ShadowsIn den vergangenen Monaten veröffentlichte Foster hauptsächlich Platten, die sich von seiner Livedarbietung ziemlich unterscheiden. Nachdem er lebensbedrohliche Probleme mit dem Herzen hatte und eine helfende Operation fast nicht überlebt hätte, war Foster eine Zeit lang nicht in der Lage zu singen – und wusste darüber hinaus nicht, ob das je wieder passieren würde. Musik schrieb er trotzdem. Unter dem Projektnamen „Voyage à la Mer“ sind inzwischen zwei Ambient-Alben von ihm erschienen, das letzte rein instrumental („A Measure Of Shape And Sounds“); das davor mit der Gaststimme von Momoka Tobari („Kimiyo“ – beide 2024). Der Support der Fans während seiner Krankheit überwältigte Foster („You were the force that pushed me forward“); laut seiner Alex Henry Foster & The Long ShadowsAussage in Aschaffenburg war es ihm ein dringendes Anliegen, deswegen wieder in Rhein/Main zu gastieren.

Während des Auftritts, der auf Stücke dieser neuen Platten komplett verzichtete und Fosters ausufernde Seite wieder präsentierte, erzählte er davon, wie seine Konzerte vor allem für ihn als Safe Space fungieren, bei denen er seine ganze Emotionalität ungeniert ausleben darf – und dafür noch besonders geliebt wird. Einige im Publikum sprach er mit Namen an und scherzte mit ihnen – andere wurden von ihm in den Arm genommen und lange sowie intensiv gedrückt in anscheinendem Wissen um deren Schicksal oder Befindlichkeiten. Das hatte etwas von einer besonderen, spirituellen Gemeinschaft, die Foster auch immer wieder beschwor – mit ihm im Zentrum, was für mich hingegen ebenso etwas irritierend und befremdlich wirkte.

Alex Henry Foster & The Long ShadowsAnsagen wie „We have to take care for each and everyone of us“ mögen banal erscheinen – hier wurde das aber konsequent in die Tat umgesetzt. Tränen, Trost und Katharsis herrschten vor, die Stimmung war absolut verwandt mit der auf einem Bruce Springsteen-Konzert, bei dem gestandene Männer in martialischer Rockerkluft bei „Bobby Jean“ oder „Thunder Road“ gar nicht mehr aufhören können, zu heulen. Weil man sich gesehen fühlt. Weil man seine Maske fallen lassen kann und sein kann, wie man ist, ohne eine Rolle spielen zu müssen, mit allen persönlichen Widrigkeiten. „Heute vor 62 Jahren“, führte Foster auf dem Konzert aus, „skandierte Martin Luther King ‚I Have A Dream‘. Und ich habe diesen Traum noch immer!“ Springsteen hat diesen Traum ebenso und füttert ihn in diesen Krisenzeiten mehr als Foster mit Tagespolitik, aber im Prinzip ist es das Gleiche: Mit hervorragenden Instrumentalist*innen an der Seite, die Alex Henry Foster & The Long Shadowssämtlich in der Lage sind, das Haus auch alleine zu rocken, schafft ein „Boss“ Tatsachen – nicht nur durch emotionale Songs, sondern durch eine fast schon religiöse wie tröstende Art der Zusammenkunft, bei der sich die Anwesenden sicher und angenommen fühlen.

Das ist mehr als Unterhaltung, aber eben das ist es auch. Wenn nach zwei Stunden Spielzeit gefragt wird, ob jemand nach Hause will und alle wollen mehr, obwohl jedes Stück knapp 20 Minuten dauern wird, dann liegt das an der Qualität genau dieser Songs. Ich weiß, ich hab kürzlich schonmal von einem Konzert des Jahres gesprochen – aber dieses war auch eins, ebenso wie Springsteen neulich im Waldstadion. Für einen anwesenden Freund namens Eric spielte Foster noch das hinreißende „Snowflakes in July“ – erstmals live, wenn man vom Jazz-Festival in Montréal absieht, bei dem das komplette Debütalbum gegeben wurde. Ich bin mir sicher, er hat es auch für Ralf gespielt.

Alex Henry Foster & The Long Shadows

Hier geht es zu Fosters lesenswertem Blog, da gibt es noch mehr zu Aschaffenburg: https://alexhenryfoster.substack.com/ .

Weitere Links: https://glasgowcomascale.de/, https://www.facebook.com/glasgowcomascale/, https://www.instagram.com/glasgowcomascale/, https://glasgow-coma-scale.bandcamp.com/music, https://www.last.fm/de/music/Glasgow+Coma+scale, https://alexhenryfoster.com, https://www.facebook.com/alexhenryfosterofficial/https://www.instagram.com/alexhenryfoster/https://alexhenryfoster.bandcamp.com/musichttps://www.last.fm/de/music/Alex+Henry+Foster

Text & Fotos: Micha

Alle Bilder:

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