Zoom, Frankfurt, 2.11.2016
Um Missverständnisse gleich aus dem Weg zu räumen: Dieser Artikel widmet sich dem US-amerikanischen Blues-Punk-Act BOSS HOG und nicht den deutschen Schlagerkaspern BOSS HOSS. Die New Yorker Combo ist eine der musikalischen Spielwiesen des renommierten Gitarristen John Spencer, der darüber hinaus mit Bands wie den HONEYMOON KILLERS, PUSSY GALORE, HEAVY TRASH und natürlich seinem Hauptprojekt, der JOHN SPENCER BLUES EXPLOSION, aktiv war oder ist.
BOSS HOG sind dabei eher zufällig entstanden. Der Legende nach war Hilly Kristal, der Besitzer des legendären New Yorker Punk-Clubs CBGBs, auf der Suche nach einem Ersatz für einen abgesprungenen Headliner. Spencer bekam Wind davon, rekrutierte kurzerhand seine Frau Cristina als Sängerin, ergänzte
das restliche Lineup durch Mitglieder von PUSSY GALORE und den Noise-Rockern UNSANE, die von seinem Bruder Chris ins Leben gerufen wurden, und nannte das Ganze BOSS HOG. Um dem Publikum eine bleibende Erinnerung an den Abend zu bescheren und zudem dem Namen des Acts gerecht zu werden, bestritt Cristina den Gig komplett nackt und machte BOSS HOG zur Overnight Sensation in New York.
Das Ganze trug sich 1989 zu und bereits einige Jahre, eine EP und ein Album später, stand die Formation im Dezember 1992 auf dem Podest des Frankfurter Clubs Negativ und begeisterte mich als knackigen Mittzwanziger doch sehr. Nicht zuletzt da Sängerin Cristina, die auf den Covern der ersten beiden Veröffentlichungen jeweils im Evakostüm posiert, auch auf der Bühne nichts trug außer einem durchsichtigen Nachthemd.
Allerdings muss ich gestehen, dass das von mir erworbene Shirt mit dem Motiv der nackten Cristina bei meiner damaligen Freundin weniger gut ankam. Da half auch mein Spruch „It‘s only Rock‘n‘Roll, but I like it!“ nichts. Lange Rede, kurzer Sinn, der brachiale Blues-Punk und die transparente Cristina hatten mir damals ordentlich den Kopf verdreht und so sammelte ich fleißig alle neuen Werke der leider nur sporadisch produktiven Band und hoffte auf ein baldiges Wiedersehen auf einer Frankfurter Bühne. Damals hatte ich jedoch nicht vermutet, dass ich exakt 24 Jahre darauf warten sollte. Die Freude auf den Gig am gestrigen Abend war daher umso größer.
Etwa 60 bis 80 Besucher hatten sich im Zoom eingefunden und mussten zunächst einen Opener ertragen, dessen Name nach einer Anwaltskanzlei klang: KINBOM & KESSNER (rechts) stammen aus dem hippen Berlin, vermutlich Mitte, und erinnerten mich an die beiden 70er-Jahre-Trantüten Nina und Wolf, die damals mit „Gute Nacht, Freunde“, geschrieben von Reinhard Mey, sowohl Schlagerfans als auch pseudointellektuelle linke Weintrinker faszinierten. Als musikalische Untermalung für einen Töpferkurs oder ein Seminar zum Thema „Mein Freund der Baum“ wäre das Ganze durchaus akzeptabel gewesen, als Opener einer Blues-Punk-Combo waren die jungen Leute jedoch deplatziert.
Erlösung brachten schließlich die ersten Gitarren-Klänge von BOSS HOG, die gegen das liebliche Vogelgezwitscher von KINBOM & KESSNER wie eine Motorsäge wirkten. Das Lineup der Band besteht anno 2016 aus Jon Spencer und Cristina Martinez sowie dem deutschen Bassisten Jens Jurgensen, Schlagzeugerin Hollis Queens und Keyboarder Micky Finn. Anders als bei den übrigen musikalischen Inkarnationen von Spencer hält sich der Gitarrist bei BOSS HOG komplett im Hintergrund und überlässt seiner Frau die Bühne. Allerdings umfasste die Setlist einige Duette der beiden, in der sie mal liebevoll und harmonisch, mal übertrieben und martialisch
miteinander umgingen, beispielsweise, als Jon sich vor der Sängerin auf den Boden legte und sie ihn mit Füßen trat.
Dominiert wurde die Show von den sägenden, knarzenden Gitarrenklängen von Spencer, die weitaus mehr an PUSSY GALORE als an die BLUES EXPLOSION erinnern, und natürlich vom wundervollen Reibeisen-Organ von Cristina. Die präsentiert sich mit Mitte 40 zwar nicht mehr so freizügig wie in ihren Jugendtagen, hat dies aber auch gar
nicht nötig. Denn zum einen ist der Sound von BOSS HOG so markant, eigenständig und imposant, dass es keiner nackten Tatsachen bedarf, um ihn zu bewerben, zum anderen ist Cristinas Bühnenpräsenz über jeden Zweifel erhaben. Die 44-Jährige hatte das Publikum zu jeder Zeit im Griff, suchte den Augenkontakt mit einzelnen Besuchern und begab sich bei einem Song sogar zwischen die Gäste, um mit diesen abzurocken. Ebenfalls stark: Drummerin Queens, die auch als Sängerin agierte und über eine nicht minder charismatische Stimme wie Cristina verfügt.
Live haben BOSS HOG einmal mehr unter Beweis gestellt, dass sie zu den wenigen Bands gehören, denen es gelingt, melodiöse, poppige Songs in ein brachiales Soundgewand zu packen, das die Energie des Punks mit der Finsternis des Blues verbindet. All dies war eindrucksvoll, sexy und die Spielfreude war den einzelnen Musikern deutlich anzumerken. Sympathisch war das Quintett auch noch: John begab sich z. B. während des Konzerts zu einem Zuschauer und bat diesen höflich, das Konzert nicht mitzufilmen. Zudem hielten John und Cristina im Anschluss an den Gig Smalltalk mit den Fans und signierten die angebotenen Vinylscheiben. Fazit: Rawk‘n‘Roll at it‘s best – bleibt zu hoffen, dass ich nicht wieder 24 Jahre bis zum nächsten Auftritt von BOSS HOG warten muss.
Links: https://www.facebook.com/BossHogOfficial/, http://www.last.fm/music/Boss+Hog
Text & Fotos: Marcus
Alle Bilder:






