Schlachthof, Wiesbaden, 14.08.2018
Für mich als Metal-Fan war gestern eigentlich der Besuch bei PALLBEARER im Wiesbadener Kesselhaus, 25 Schritte entfernt von der Haupthalle des Schlachthofs, Pflicht. Als Special Guest von PARADISE LOST im Oktober 2017 hatten die mich zutiefst beeindruckt – zudem stand mit RUBY THE HATCHET ein Opener auf der Bühne, den Kollege Marcus zumindest auf Scheibe recht entzückend fand. Und sowas ist ja durchaus als Empfehlung zu verstehen. Die Darmstädter Centralstation lockte dagegen mit Curtis Harding, der kürzlich im Vorprogramm von Lenny Kravitz eine überzeugende Duftmarke setzte und der für sein Schaffen höchstes Kritikerlob bei allen möglichen Publikationen sammelte. Wieso also ein Besuch bei CALEXICO, vor allem nachdem mich ihr 2012 in der Centralstation absolvierter Gig (Bericht hier) doch recht kalt ließ?
Die Antwort heißt „The Thread That Keeps Us“, CALEXICOs aktuelles Studioalbum. Im Gegensatz zu einigen der älteren Werke wird darauf nicht ausschließlich völkerverbindend und harmonisch musiziert (was ja auch schön ist) – durch die Addition seltener Musikstile sowie durch die Texte strahlt die Platte auch eine Menge kreativ
verarbeiteten Frust sowie sogar eine gehörige Portion Wut aus. Nicht im Sinne von HC-Punk. Aber durchaus spürbar. Ein zweifellos dem Zeitgeist geschuldeter Umstand sowie ein Paradebeispiel für die in letzter Zeit oft formulierte These, dass miese Zeiten die beste Kunst bzw. Musik hervorbringen.
Bevor das Septett mit Homebase Tucson/Arizona (und damit unweit der von Donald Trump initiierten Mauer zwischen Mexiko und den USA) jedoch in der recht gut gefüllten Schlachthof-Halle gastierte, gab es den Support zu bestaunen: die inzwischen in München ansässigen und ursprünglich aus der Schweiz bzw. aus Südtirol stammenden ME + MARIE.
Eigentlich ein Duo, bestehend aus der Schlagzeugerin/Vokalistin Maria de Val und dem Gitarristen/Vokalisten Roland Scandella, wurden die beiden von zwei Mitmusikanten am Bass sowie an Keyboard und Schellenkranz unterstützt,
wobei letzterer häufiger unterbeschäftigt wirkte und sich zeitweilig mehr am Kopf kratzte als seine Instrumente zu bedienen. Laut Gaesteliste.de treten ME + MARIE „prinzipiell als Duo plus auf“ – zumindest der anwesende Kollege hatte die beiden jedoch ohne Verstärkung im Frankfurter Club Nachtleben erlebt und berichtete begeistert von einem an die WHITE STRIPES erinnernden Sound mit
weitaus mehr Klangfarben. Sinngemäß.
Während der ungefähr halbstündigen Performance hielten die Hauptakteure fast ständig Augenkontakt, zumindest de Val schaute relativ selten von ihrem teilweise exaltiert auftretenden Kompagnon weg. Der bewies seine, im Classic Rock beschriebene Leidenschaft für Gitarristen wie Rory Gallagher oder Ritchie Blackmore in diversen Soli und brachte damit auch ein bisschen Metal in die große Halle, danke dafür. Dargebracht wurden Songs aus dem offiziell erst drei Tage nach dem gestrigen Konzert erscheinenden zweiten Album „Double Purpose“ (welches es am Rande des Gigs aber bereits zu erwerben gab) sowie
Highlights des Debüts wie das wunderbare „One Eyed Love“ (ein hübscher Videoclip dazu befindet sich hier). Ein Stück, das die Stärken der beiden durch seine Eigenständigkeit schön auf den Punkt bringt. Am 12. Dezember 2018 spielen ME + MARIE als Headliner im Kesselhaus, haben dann aber Konkurrenz durch DANKO JONES in der Haupthalle. Furchtbar, immer diese Entscheidungen.

Als CALEXICO etwas später mit einem uralten Song in Minimalbesetzung an den Start ging, deutete sich schon dezent an, dass die Entscheidung für die große Schlachthof-Halle durchaus das Zeug zur richtigen hatte. Das aktuelle Album
wurde mit Track Nummer zwei und drei erstmals bedacht, die Bühne füllte sich nun mit dem vollständigen Septett, welches aus Musikern aus den USA, Mexiko, Spanien sowie Deutschland besteht. In anderen Städten sah das Programm laut setlist.fm mitunter ganz anders aus – CALEXICO sind eine Band, der man als Fan durchaus hinterher fahren kann, um immer wieder andere Konzerte zu erleben.
Ungleich der meisten anderen US-Amerikaner, die man zuletzt bei Gastspielen erleben durfte, sendete Sprachrohr Joey Burns (links) keine Hasstiraden oder gar Entschuldigungen für das fehlbesetzte Weiße Haus in Washington an seine Zuhörer/innen – das hat er auch gar nicht nötig. Die Formation, die er zusammen mit Schlagzeuger John Convertino 1996 gründete, ist per se schon ein Gegenentwurf zur menschenverachtenden Idiotie des kindischen Despoten ebendort. Aufgeschlossen, völkerverständigend, Grenzen sprengend und dabei immer schön tanzbar, das ist so ziemlich das Gegenteil von Donald Trump. Das kann dann ein Mariachi sein, der vielleicht kitschige Sehnsuchtsorte
illustriert; das ist aber auch wieder treibender Rock mit düsterer Färbung wie der Garagenrocker „Dead in the Water“.
22 Songs in etwa zwei Stunden, davon neun vom aktuellen Dreher, wurden dargebracht – darunter auch Klassiker wie „Victor Jara’s Hands“ sowie Cover von LOVE sowie dem im Herbst 2017 verstorbenen Tom Petty („Learning to Fly“). Ein äußerst abwechslungsreicher musikalischer Abend
mit einer hochgradig kompetenten Combo zwischen Desert-Rock, Americana, Indie beziehungsweise Alternative-Rock, Shoegaze plus ein wenig Jazz mit viel Melancholie, Herzblut und Lebenslust. Also ganz anders als der in Darmstadt 2012, meiner Wahrnehmung nach. ME + MARIE durften am Ende auch nochmal am Rand der Bühne mitschwofen.
Der Metal-Fan in mir hätte dann gerne noch ein paar Takte PALLBEARER gelauscht, denen man eine gewisse Melancholie ja auch nicht absprechen kann. Doch keine Chance nach zwei Stunden CALEXICO. Man kann eben nicht auf mehreren Hochzeiten gleichzeitig tanzen. Schade, eigentlich.
Links: http://meandmarie.com/, https://www.facebook.com/meandmarie/, https://www.last.fm/de/music/Me+Marie, http://www.casadecalexico.com/, https://www.facebook.com/calexico, https://calexicomusic.bandcamp.com/, https://www.last.fm/de/music/Calexico
Text, Fotos & Clip: Micha
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