Batschkapp, Frankfurt, 9.10.2025
Avantgarde Metal von IMPERIAL TRIUMPHANT aus New York City, Computer Metal von MASTER BOOT RECORD aus Rom sowie Barockcore des Headliners IGORRR aus Rennes – die Formationen, die gestern in der fast ausverkauften Frankfurter Batschkapp auftraten, haben vermutlich nur eine Gemeinsamkeit: Dass sie verdammt eigen sind. So eigen, dass wir uns gleich mit zwei Autoren beim Gipfeltreffen der drei außergewöhnlichen Metal-Bands in der Spielstätte im Stadtteil Seckbach einfanden: Micha beschreibt im nun folgenden Konzertbericht seine Eindrücke zum Opener IMPERIAL TRIUMPHANT und zu MASTER BOOT RECORD, Marcus seine Gedanken zum Hauptact IGORRR.

Den Headliner-Gig von IMPERIAL TRIUMPHANT im Sommer in Wiesbaden hatte ich wegen Urlaubs verpasst, ihre Platten waren mir allerdings schon durch die wunderbaren Newsletter von Daniel Stähr ans Herz gelegt worden (mehr dazu hier), der in letzter Zeit leider zugunsten seiner anderen Qualifikationen als
Essayist und Ökonom vernachlässigt wird. Seine vor Herzblut triefenden Beschreibungen machten den Besuch einer Show von IMPERIAL TRIUMPHANT jedoch für mich unabdingbar.
MASTER BOOT RECORD waren für mich dagegen ein völlig unbeschriebenes Blatt. In meiner arroganten Sichtweise musste dies für alle Menschen gelten, weswegen ich extrem irritiert war, dass nicht diese, sondern eben die New Yorker den Abend eröffneten. Dadurch wurde ihnen lediglich 30 Minuten Spielzeit zugestanden, was mich nach diesem Konzertabend umso mehr erbost – konnte doch (Halbspoiler, Kollege Marcus sieht das eventuell anders) keine der folgenden Formationen ihnen auch nur annähernd das Wasser reichen.
Ich habe in diesem Blog schon hin und wieder durchblicken lassen, wie sehr mich das musikalische und kulturelle Schaffen im New York City der End-Siebziger und darüber hinaus fasziniert (zum Beispiel hier). IMPERIAL TRIUMPHANT stehen als Metal-Act knietief in dieser No Wave-Tradition, die (extrem revolutionär in dieser Zeit) Avantgarde, Punk, Jazz, Funk und Disco zusammen denkt.
Unterschiedliche Klangzimmerer wie die SWANS, SONIC YOUTH, SUICIDE oder MATERIAL prägten diese Zeit und beeinflussten damit sogar Künstler*innen wie Madonna oder ANTHRAX. Legendär die Annäherungen von damaligen Free-Jazz-Erneuernden wie John Zorn oder Bill Laswell an Bands wie NAPALM DEATH.
Überhaupt: New York ist eine der Hauptstädte des Jazz. Man muss schon sehr puristisch unterwegs sein, um dessen Einflüsse nicht zuzulassen. IMPERIAL TRIUMPHANT leben diesen Einfluss wie gegenwärtig keine zweite Band, wie sie selber in diversen Interviews immer wieder gern betonen. Sie sind eine dunkle Metal-Formation, musikalisch mehr Death- als Black-, optisch umgekehrt mit
ihren Masken, die an Göttergestalten wie Apollo (Zachary Ezrin, Gesang & Gitarre), Hecate (Kenny Grohowski, Schlagzeug) sowie Baal (Steve Blanco, Bass, Gesang & Keyboard) gemahnen. Die spielerische, mit allerlei Improvisationen aufgehübschte Instrumentalarbeit, die auch Disharmonien und vertrackte Breaks zulässt, ist mehr Jazz als Progrock, weil in der Virtuosität weit weniger starr als in diesem.
Kurz: IMPERIAL TRIUMPHANT sind wahnsinnig gut und headlinerwürdig. So etwas wird es in kleinerem Rahmen hoffentlich bald wieder geben, wir mussten uns auf dieser Tour mit Auszügen aus dem aktuellen, bereits siebten Studioalbum „Goldstar“ begnügen. Die sehr kurzweilig wie bewegungsfreudig in Szene gesetzt wurden, inklusive Sektdusche für die ersten Reihen und Bassläufe mit Posaunenkorpus. Hammergig.

Hätte ich mich in den Siebzigern, als die Köpfe der bebrillten Nerds in der Schule über den neuen Bildschirmen hingen während ich lieber Comics las und RAINBOW hörte, nicht so uninteressiert von eben diesen abgewandt, wüsste ich vielleicht, was MASTER BOOT RECORD bedeutet. So müsste ich Wikipedia
bemühen (hier), wenn es mich interessieren würde. Tut es immer noch nicht. Bei Vittorio D’Amore aka Victor Love ist das wohl anders. In diversen Projekten fusioniert er seine Liebe zur alten Computer-Technik und dem damit verbundenen Spielespaß mit (meist) instrumentalem Metal.
Bei MASTER BOOT RECORD spielte er die von ihm „Computer Metal“ genannte Musik meist solo auf zahlreichen Veröffentlichungen ein, die Gitarren waren bis vor Kurzem reine Gitarren-Synthesizer. Inzwischen tourt Love als Trio und hat zwei Live-Musizierende am Start, deren Namen ich nicht in der Lage bin herauszufinden, was äußerst schade ist: trugen der Mann am
Schlagzeug sowie vor allem der juvenile Axtschwinger, der straight aus den 80ern in die Jetztzeit teleportiert schien, eine ganze Menge Verantwortung für die Begeisterung bei Teilen des Publikums.
Hintergrundbilder aus Spieleklassikern wie Doom oder Assassin’s Creed ließen sogar mich nostalgisch werden, die fabrizierten Töne, die dem heutigen Dungeon Synth nicht unähnlich, weil aus den selben Einflüssen gespeist sind und mit heftigen Speedmetal-Attacken gereicht wurden, machten durchaus Laune. Am Ende, nach knapp 40 Minuten, schleuderte Love Disketten mit eben solchen Spielen ins Publikum und kündigte an, spätestens im nächsten Jahr wiederzukommen. Jetzt macht Marcus weiter.

Auch ich war mit keiner der drei Bands wirklich vertraut, fand aber das, was in kurzen Promotexten über die Acts zu lesen war, äußerst spannend und freute mich auf eine Wundertüte. Angetan hatte es mir vor allem der IGORRR-Videoclip zu „ADHD“, der sich visuell wie musikalisch in bester APHEX TWIN-
Manier darbot. Tatsächlich findet sich der Name dieser Combo auf der Website von IGORRR in der Liste ihrer wichtigsten Einflüsse – neben Frédéric Chopin, CANNIBAL CORPSE und MR. BUNGLE! Und wenn man seit über 40 Jahren Konzerte besucht, dann ist man froh, mal etwas Neues, Frisches und Unbekanntes erleben zu dürfen.
IGORRR ist das geistige Kind des französischen Komponisten und Multi-Instrumentalisten Gautier Serre, der sein Projekt 2005 ins Leben rief und es bis 2017 in Personalunion betrieb. Erst mit dem dritten Longplayer „Savage Sinusoid“, der beim Kultlabel Metal Blade erschien, wurde IGORRR zu einer Band, die seither über zwei Sänger, einen (neben Serre)
weiteren Gitarristen, einen Bassisten und einen Drummer verfügt. Serre selbst liefert bei Konzerten die Programmierung, spielt Keyboard und greift gelegentlich zur Gitarre.
Die Kulisse auf der Bühne war beeindruckend: Im Hintergrund ragten rechts und links zwei riesige, etwa sechs Meter hohe Mönchsstatuen in die Höhe, aus deren Mündern gelegentlich Nebel waberte. In der Mitte hing ein vertikales Banner von der Decke, auf dem das markante I des Bandlogos zu sehen war, das durch geschickte Ausleuchtung gelegentlich seine Farbe änderte. Vor dem Banner führte eine Treppe nach unten, die den jeweiligen Sängern dazu diente, die Bühne zu erreichen. Flankiert wurde diese von zwei erhöhte Plateaus, von denen Serre das eine und der Schlagzeuger das zweite besetzte.
Die Eröffnung war imposant, die Bühne in rotes Licht und Nebel getaucht, schwere Riffs und elektronische Klänge wechselten sich ab, als schließlich ein in Umhang und Kapuze gehüllter Shouter mit heftigen Death-Metal-Grunts das Publikum anheizte. Wenige Augenblicke später erschien eine zweite Gestalt am
oberen Ende der Treppe, die bei mir für einen ersten Aha-Moment sorgte. Marthe Alexandre, ihres Zeichens Mezzosopranistin, erfüllte die Halle mit einer wundervollen Opernstimme, welche die harten Riffs konterkarierte. Das Spektakel war schön anzuschauen und hatte etwas von einer modernen Theaterinszenierung.
Die Eröffnung nahm das Schema der nun folgenden 90 Minuten bereits vorweg: Es gab Songs mit Grunts und Growls, Lieder mit Operngesang und Interludien, bei denen Serre von flackernden Lichtern begleitet ein Feuerwerk Breakcore- und Trip-Hop-Beats abbrannte. Stets präsent waren dabei wuchtige Metalcore-Riffs, die den gesamten Saal zum Headbangen verleiteten. Was die Setlist betraf, so wurden lediglich Stücke der letzten drei
Alben – seit IGORRR als Gruppe agieren – dargeboten. Das bunt gemischte Publikum, darunter allerlei „Herr der Ringe“-Freunde und Pen & Paper-Rollenspieler, war begeistert vom Geschehen, einige, besonders im hinteren Bereich der Halle, hatten gar ihre Kinder im Teenager-Alter im Schlepptau.
Ich muss zugeben, dass das Ganze unterhaltsam war, zugleich aber deutlich an die Hörgewohnheiten eines Mainstream-Publikums angepasst. Das Schräge, Kauzige und Quirlige, das ich in einzelnen Videoclips der Band gesehen und gehört hatte und mich hoffen ließ, in IGORRR eine neue Avantgarde- oder Experimental-Truppe im Stile der EINSTÜRZENDEN NEUBAUTEN, der SWANS oder der RESIDENTS zu
entdecken, wurde live nicht geboten. Ein Kumpel, der neben mir stand, brachte es auf den Punkt: „Das ist doch nichts anderes als RAMMSTEIN mit Opernsängerin!“ Und das ist wahr, IGORRR bieten eine Show für ein breites Publikum, die weit von all dem entfernt ist, was man als Avantgarde bezeichnen würde. Wenn man die Band schon mal live erlebt hat und folglich weiß, was einen erwartet, dann mag dies ein Garant für einen kurzweiligen
Partyabend sein. Ich hatte wegen der Videos etwas mehr erhofft als stumpfe Riffs mit Operngesang. Und so wird mein erstes auch mein letztes Live-Erlebnis mit IGORRR gewesen sein. Unterm Strich lautet mein Fazit aber, dass es ein abwechslungsreicher Konzertabend mit drei sehr unterschiedlichen Acts war, der großen Spaß gemacht hat. Was den Gewinner des Gigs betrifft, stimme ich mit Micha überein – IMPERIAL TRIUMPHANT war die Band des Abends!
Links: https://www.imperial-triumphant.com/, https://www.facebook.com/imperialtriumphant, https://imperialtriumphant.bandcamp.com/music, https://www.last.fm/de/music/Imperial+Triumphant, https://mbrserver.com/, https://www.youtube.com/c/MasterBootRecord, https://masterbootrecord.bandcamp.com/, https://www.last.fm/de/music/master+boot+record, https://www.facebook.com/IgorrrBarrroque/, https://www.instagram.com/igorrr/, https://igorrr.bandcamp.com/, https://www.last.fm/de/music/Igorrr
Fotos & Text (IT & MBR): Micha
Text (IGORRR): Marcus
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