KAMASI WASHINGTON

Batschkapp, Frankfurt, 19.04.2025

Kamasi WashingtonDer Hype scheint vorbei. Beim Auftritt des Saxophonisten sowie Komponisten Kamasi Washington und seiner hochklassigen Band aus Los Angeles in der Frankfurter Batschkapp waren weit weniger Menschen am Start als bei früheren Gigs im Rhein/Main-Gebiet. Den Meister schien dies allerdings nicht zu stören – extrem entspannt ließ er die Anwesenden teilhaben an den Songs seines aktuellen Albums „Fearless Movement“, das vor knapp einem Jahr erschien und mit einer Spiellänge von 86 Minuten zu den kürzeren Werken von Washington gehört. Wir erinnern uns: Zehn Jahre ist es her, dass Washington mit seinem Triple-Album „The Epic“ einen neuen Jazz-Hype auslöste. Seine Herkunft aus South Central L.A. sowie seine Vernetzung mit dort ansässigen Kreativen aller möglichen musikalischen Stilrichtungen halfen ihm dabei, weit über den Tellerrand des Jazz hinaus wahrgenommen zu werden.

Kurz bevor Washington „The Epic“ veröffentlichte, wirkte er auf Kendrick Lamars Hip-Hop-Meilenstein „To Pimp A Butterfly“ mit, was seiner Reputation keinesfalls schadete. Als Studiomusiker war er vorher bereits auf Einspielungen von Ryan Adams, THE TWILIGHT SINGERS und Snoop Dogg zu hören; zudem gehörte er der Big Band von Gerald Wilson an. Er veröffentlichte unter seinem Kamasi WashingtonNamen EPs, die so lang sind wie Longplayer anderer Musikanten und ist verantwortlich für die Soundtracks der Netflix-Doku „Becoming“ sowie der neuen Anime-Serie „Lazarus“.

Seine Musik speist sich aus der Geschichte des Blues, des Jazz, des Funk und des Hip Hop und denkt all diese Ausdrucksformen zusammen. Prägend für sein Spiel sind die Einflüsse solcher Giganten wie John Coltrane oder Eric Dolphy, musikalisch gleichermaßen wie spirituell. Die Macht seines Sounds zeigt konzeptionelle Gemeinsamkeiten mit dem SUN RA ARKESTRA oder den Formationen des Funkmeisters George Clinton. Und doch: Während Kritiker (hier reicht in der Tat die männliche Form aus) vor allem der Rock- und Pop-Presse überschwänglich seine Werke feiern (von Musik Express über Rolling Stone bis zu Progblättern wie Eclipsed) und die Joshua Crumblystilistisch offenen Jazz-Publikationen wie Jazzthetik oder Jazzthing dem nicht widersprechen, so gibt es aus der Welt der klassischen Jazz-Rezeption am Beispiel des seit 1952 (!) erscheinenden Jazz Podium auch Kontra.

So wurden in der Ausgabe 10-11/2024 zwei Sichtweisen gegenüber gestellt, in denen die Kritiker Reinhold Unger und Ljubiša Tošić Washingtons Wirken auseinandernehmen und es in Bezug zur Bedeutung im Jazz unterschiedlich einschätzen („So ist Washington wohl eher ein popkulturell interessantes als musikalisch relevantes Phänomen“ – Unger; „Es ist das Gesamtkonzept, das wirkt“ – Tošić) – einig sind sich die beiden Herren jedoch in der Einschätzung, dass Washingtons technisches Vermögen „eher schlicht“ sei (Unger) bzw. dass man „natürlich technische Grenzen“ spürt und „Weiterüben am Instrument noch nie geschadet“ hat (Tošić).

Kamasi Washington mit Band

Als Nichtmusiker vermag ich die Richtigkeit dieser These nicht zu beurteilen. Entscheidend scheint mir jedoch das Verbindende im Konzept Washingtons, das Jürgen Ziemer im Rolling Stone so beschrieb: „Hier geht es nicht um virtuose Soli, vertrackte Rhythmen und komplexe Harmonien, sondern ums Ganze. Um ein Gefühl des Verbundenseins, das die Grenzen kultureller Felder und Genres sprengt.“

Rickey WashingtonViele aus der acht Menschen starken Band, die an diesem Abend die Batschkapp bespielte, sind langjährige Wegbegleitende, die man auf seinen Alben hören kann und schon lange mit ihm auf Tour gehen, obwohl viele von ihnen ebenso unter eigenem Namen Musik einspielen. Auch beim hier besprochenen Auftritt Washingtons in Mainz vor sieben Jahren waren die anwesenden Tony Austin (Schlagzeug), Patrice Quinn (Stimme), Rickey Washington (Kamasis Vater; Flöte und Sopransaxophon) sowie Ryan Porter (Posaune) am Start.

Patrice QuinnAn den Keyboards, dem E-Piano sowie mit Vocoder-verfremdeten Gesang konnte man Brandon Coleman unter seinem Stetson erahnen, der auf vielen Alben Washingtons zu hören ist und unter seinem Namen dem Funk frönende Scheiben veröffentlichte. Für weiteres Elektronische sowie E-Percussion und Turntables sorgte DJ Battlecat – Konzert-DJ für Snoop Dogg, Produzent von Tupac, Nate Dogg oder Xzibit. In other words: Eine absolute Legende des Westcoast-Rap. Nur den Bassisten konnte ich nicht identifizieren – laut Stefan Michalziks Review in der Kamasi Washington Frankfurter Rundschau (hier) handelte es sich um Joshua Crumbly, der auch schon mit John Coltranes Sohn Ravi Coltrane spielte.

Den Schwerpunkt des Konzertabends bildeten Stücke von „Fearless Movement“, sieben waren es letztlich. Darunter als zweites „Asha the First“, welches auf einer Tonfolge fußt, die Washingtons Tochter als Dreijährige auf ihrem Piano (er)fand. Mit stolzgeschwellter Brust erzählte Washington nicht nur sämtlichen Journalisten, die vor einem Jahr mit ihm zum Albumrelease sprachen, sondern ebenfalls dem Publikum in Frankfurt sowie wahrscheinlich an jedem anderen Ort vom morgendlichen (7 Uhr, auch sonntags) Pianospiel seiner kleinen Tochter, aus dem sich irgendwann die Tonfolge schälte, die sie immer und immer wieder spielte und aus der Washington eine knapp achtminütige Komposition baute.

Kamasi Washington mit Band

Überhaupt war die Kraft der Musik ein ständiges Thema in seinen Redebeiträgen. Neben der Liebe. „Wenn wir mehr lieben würden, verschwänden die Probleme auf dieser Welt. Nicht alle. Aber die meisten.“ erklärte er. Wer würde ihm da widersprechen? Und die Musik sei sowieso das Beste: „Das sind Nachrichten von Freunden, die zum Teil seit 100 Jahren tot sind“ sinnierte er darüber sinngemäß, um zwischendurch auch noch den kreativen Output seiner Ryan Porteranwesenden, jedoch weniger prominenten Kollegen zu loben: „Check out their records and you’ll be happy“ tat er kund, und das kann ich durchaus bestätigen.

Vor allem sein Kollege Porter blies zum Steineschmelzen sein Solo bei „Together“. Dessen Live-Album „Live at New Morning, Paris“ (zu hören hier) ist ein Knaller und präsentiert mit Washington, Tony Austin und Brandon Coleman die halbe Band des heutigen Abends mit zum Teil atemberaubenden Soli. Nimm das, Jazz Podium. George Clintons Einsatz bei „Get Lit“ kam natürlich aus der Kamasi WashingtonKonserve, Lobeshymnen über den Gottvater des Funk gab es selbstverständlich obendrauf. Lässiger Siebziger-Jahre Soul-Jazz folgte, mit Crescendi voller Leidenschaft.

Zwei Stunden lang wurden wir amtlich begrooved bis die Band von der Bühne verschwand, um uns mit dem „The Epic“-Track „Re Run“ anschließend weitere 13 Minuten zu bespaßen. Sogar ein Honky Tonk-Piano gesellte sich da mit elektronischer Begleitung zum Gesamtsound. Die „reine Lehre“ geht gewiss anders und ist fein, aber eben nicht alles. Gelöst konstatierte Washington, dass „Frankfurt wunderschön“ sei und er bald wiederkommen wolle. Die Bar im Saal war da schon geschlossen und nahm auch keine Becher mehr zurück. Der Hype ist vielleicht vorbei, aber die Liebe und die Musik bleiben. Danke dafür.

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Text & Fotos: Micha

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