Reduit, Mainz-Kastel, 30.04.2025
Ein jährlich wiederkehrendes Event ist das „Ab in den Mai Open Air!“, das stets – der Name lässt es schon vermuten – am 30. April stattfindet und im alten Gemäuer der Reduit im Wiesbadener Stadtteil Mainz-Kastel insbesondere die Freund*innen von Ska und Reggae in seinen Bann zieht. In diesem Jahr zu Gast bei dem liebevoll organisierten, eintägigen Festival waren die Italiener LOS FASTIDIOS, die TRAVELERS ALL STARS aus dem fernen Mexiko, THE INCITERS aus den Vereinigten Staaten und als Headliner ALPHEUS & THE EASY SNAPPERS aus England/Jamaika und Deutschland. Eine erlesene, internationale Besetzung also, die wohl auch Petrus erfreut haben dürfte, denn eine solche Veranstaltung steht und fällt natürlich mit dem Wetter – und das war (wie schon im Vorjahr) sonnenbrandverdächtig großartig.
Der Reigen der vier Live-Acts begann mit LOS FASTIDIOS pünktlich um 18 Uhr. Wie auf Festivals üblich, sollte der Zeitplan so penibel wie möglich eingehalten werden, und der sah für die ersten drei Formationen je eine Stunde (dazwischen halbstündige Umbaupausen) sowie für den Headliner rund 80 Minuten Spielzeit vor. Anfängliche Befürchtungen, das Quintett aus Verona müsste vor recht wenig Publikum das Festival eröffnen, wurden schnell zerstreut – die meisten der seit 17 Uhr eingelassenen Gäste verließen beim Erklingen der ersten Takte ihre Plätze im wohltuenden Schatten oder an den Verpflegungs- und Schallplattenständen und pilgerten in Richtung Podium; etwas später verfolgten deutlich mehr Menschen den Opener als noch vor Jahresfrist.
Fortan wirbelten der Sänger und Bandgründer Enrico de Angelis und seine Kollegin Elisa Dixan 15 Lieder lang über die Bühne – und das bei gefühlt 30 Grad auf einem Podest, auf das direkt das Sonnenlicht knallte. Respekt schonmal allein für die körperliche Leistung. Neben ihnen schwitzten Bibol an der Gitarre, Midio am Bass und Mattia am Schlagzeug, an das als Blickfang ein knallroter Schal mit der Aufschrift „Verona Against Racism“ geknotet war.
Im Programm befanden sich unter anderem mit „Skabillyboogie“ und „You’re So Young“ einige Songs von dem neuesten, erst in diesem Jahr erschienenen Album „Lovesteady“. Außerdem im Set: Beliebte ältere LOS FASTIDIOS-Stücke wie zum Beispiel „Skankin‘ Town“ und „Antifa Hooligan“ von der Scheibe „Siempre
Contra“ (2005) sowie ein paar Cover-Versionen von Klassikern wie „Three Minute Hero“ (SELECTER) und „Clandestino“ (Manu Chao). Eine ungewöhnliche Ska-Version der Rock-Nummer „This Is How It Feels“ der INSPIRAL CARPETS wurde ebenfalls dargeboten.
Unterbrochen wurde die energiegeladene Show nur wenige Male für kurze Ansprachen, etwa zu einem Lied für Frauenrechte. Für dieses wurden die weiter vorn stehenden Ladies im Publikum auf die Bühne gebeten (einige verdrückten sich sogleich nach hinten, um nicht auf das Podest gezogen zu werden). Nett gemeint, aber vielleicht ein bisschen zu forsch – nicht jede/r präsentiert sich gern in exponierter Position vor hunderten Festivalgästen. Sehr sympathisch dagegen fand ich die Geste des
Frontmanns, der zwischen zwei Liedern spontan von der Bühne hinunterkletterte, eine gehandicapte Zuschauerin umarmte und ihr ein Bützchen auf die Wange drückte, was sowohl bei ihr als auch ihren Begleiterinnen für Begeisterung sorgte. Später gesellte sich dann noch ein „alter“ Bekannter zu den Italienern: Der Sänger und Saxophonist der Frankfurter Oi-Institution STAGE BOTTLES, Olaf, ergänzte die Combo im Endspurt des Konzerts. Nach der Show verschenkte Elisa, die während des
Auftritts mit ihrem Handy auch Aufnahmen von der Band und dem Publikum anfertigte, die Setlisten mit den Unterschriften aller Musiker an die Die-Hard-Fans in der ersten Reihe.
Fußnote am Rande: Ein „Selfie“, das die Formation nach Abschluss des Gigs von sich und dem jubelnden Publikum machte, wurde auf X (ehemals Twitter) gepostet (anzuschauen hier) – was im Nachgang aber auch Anlass zur Kritik gab: Darf sich eine politisch extrem links einordnende Band auf der inzwischen in Verruf geratenen Plattform X von US-Milliardär Musk betätigen oder hat sie diese zu boykottieren? Ich überlasse Euch diese Einschätzung. Fest steht jedoch: Der Gig war in jeder Hinsicht kurzweilig, machte gute Laune und Lust auf mehr!
Slot Zwei des Festivals besetzten fünf größtenteils schwer tätowierte Herren von jenseits des Atlantiks. Die 2009 in Nezahualcóyotl im Bundesstaat Mexiko gegründeten TRAVELERS ALL STARS orientieren sich an der jamaikanischen Musik der 1960er und frühen 1970er Jahre und präsentieren „Skinhead Rocksteady
Reggae Ska“ (Discogs). Spektakuläre Showeinlagen waren bei diesem Auftritt nicht zu erwarten, aber hey, dieser Sound ließ aufhorchen: Unfassbar groovy, was vor allem an den Klängen des KORG-Keyboards lag, das von Eduardo “Lalo” Hammond bedient wurde. Der Mann an den Tasten war seinerzeit ebenso ein Gründungsmitglied der Formation wie der Bassist Israel Padrón, der in der Mitte der Bühne den Frontmann gab.
Die beiden waren es auch, die das Publikum durch Gesten anheizten und zum Tanzen animierten. Was eigentlich kaum nötig war, denn wer sich zu solchen Rhythmen nicht geschmeidig bewegen kann, der hat wohl wirklich den sprichwörtlichen Stock im Allerwertesten. Gegen Ende des Auftritts wurden alle
Zuschauer noch aufgefordert, in die Hocke zu gehen (kollektives Aufstöhnen bei den Älteren, deren Gelenke das nicht mehr so mitmachen), um auf Kommando gemeinschaftlich dann wieder aufzuspringen, Ihr kennt das Spiel. Auch Padrón selbst nahm teil und ging mit seiner Bassgitarre sogar auf die Knie. Props dafür. Solch körperlicher Hingabe hätte es aber gar nicht bedurft, denn auch ohne Exoten-Bonus war das ein wirklich hinreißender Auftritt.
Gerne hätte ich nach der Show die auf dem Merchtisch angebotene Platte „XV Años de Reggae Gordo“ gekauft, doch diese war je nach Vinylfarbe und Limitierung mit Preisen zwischen 31 und 42 Euro etwas zu kostspielig. Aber klar, die Scheiben wurden aus Mexiko importiert, Frachtkosten entrichtet und um einigermaßen auf die schwarze Null zu kommen, muss man solche Preisschilder wohl anhängen. Ich bin aber sicher, dass sich genug Liebhaber gefunden haben, die die Platte mit nach Hause nehmen wollten.
Halbzeit beim Ab in den Mai Open Air! in Mainz-Kastel. Wie ging es bei Einbruch der Dämmerung auf dem Festival im Hof der Reduit mit den Bands THE INCITERS und ALPHEUS & THE EASY SNAPPERS weiter? Darüber berichten wir in Kürze in unserem folgenden Post hier.
Links: https://www.losfastidios.net/, https://www.facebook.com/losfastidios/, https://www.instagram.com/losfastidios_official/, https://www.last.fm/music/Los+Fastidios, https://travelersallstars.com/, https://www.facebook.com/ReggaeGordo/, https://www.instagram.com/travelers_all_stars/, https://www.last.fm/music/Travelers+All+Stars
Text & Fotos: Stefan
Alle Bilder:








