KERRY KING & NECKBREAKKER

Zoom, Frankfurt, 29.07.2025

Kerry KingEs ist eine Schande, dass die US-amerikanische Thrash Metal-Heiligkeit SLAYER es niemals in diesen Blog geschafft hat. Angefangen hat die Band 1981 – das war das Jahr, in dem ich auf mein erstes Konzert ging. Altersgenossen hatten die Combo schon früher auf dem Schirm als ich und waren motorisiert, weshalb sie das Quartett aus Kalifornien bereits bei ihrer ersten Stippvisite in Nürnberg 1985 aufsuchen konnten – bei mir dauerte es, bis mir die Herren 1987 geografisch entgegen kamen und, wie noch mehrere Male später, die Stadthalle in Offenbach rockten. Nach Meinung der Die-Hard-Fans aus frühen Tagen zu dieser Zeit natürlich schon längst ausgewimpt und kommerzialisiert. Naja. Einmal so ausgewimpt sein wie SLAYER, auch in späteren Jahren: Mein Arzt wäre stolz auf mich.

Im November 2016 spielten sie zuletzt in Frankfurt (aus Krankheitsgründen leider ohne mich), zusammen mit ANTHRAX, die ebenso wie sie (sowie METALLICA und MEGADETH) zu den sogenannten „Big 4“ des Thrash Metal zählen. Man könnte darüber diskutieren, ob das gerechtfertigt ist (weil ein Kerry King (Band)paar wichtige Bands dabei zu schlecht wegkommen und andere wie z. B. ANTHRAX zu gut, meiner Meinung nach) – Tatsache ist jedoch, dass man SLAYER danach erstmal nicht mehr zu sehen bekam jenseits von Festivals wie Wacken oder Rock am Ring, weil sie sich 2019 auflösten.

Während ich das schreibe, gab es bereits (zu erwartende) Reunion-Gigs, klar. Aber solche werden eine Ausnahme bleiben, schwer zu bezahlen sein und wahrscheinlich nicht mehr viel Spaß machen, vermute ich. Jeff Hannemann (Co-Bandgründer,  -Texter sowie -Gitarrist) ist tot, sein Nachfolger Gary Holt hat mit EXODUS genug zu tun und Sänger Tom Araya ist aus verschiedenen Gründen, darunter medizinische wie religiöse, seit Jahren kaum noch motiviert. Bleibt der andere Co-Gründer, Texter und Gitarrist: Kerry King.

Kerry KingDer hat noch Bock. Schrieb und spielte mit „From Hell I Rise“ ein Album ein, das er nun mit ein paar Kumpels betourt, die mit ihm den Straßenköter-Charme teilen und gründlich abliefern können. Als Unterstützung für ein paar gebuchte Festivalslots wie zum Beispiel der seiner Stammband zum Abschied von BLACK SABBATH Anfang Juli in Birmingham, UK. Nur drei Gigs in Deutschland, davon zwei in Clubs. Einer in Frankfurt. Trotz zeitgleich stattfindender, ebenso bedeutsamer Old-School-Events in der Region (Galliano und T.S.O.L.) bestand für mich hier ganz klar Erscheinungspflicht.

Mit NECKBREAKKER aus Dänemark gab es dabei eine Vorband, die den Altersdurchschnitt auf der Bühne extrem senkte und den meisten Gästen im Frankfurter Zoom nicht viel zu sagen schien. Von 2020 bis 2024 lärmten diese noch als NAKKEKNAEKKER, Kollege Marcus sah sie unter diesem Namen beeindruckt vor LEFT TO DIE. Ein Album gibt es inzwischen („Within The Viscera“), welches Neckbreakkermir als meist vom Death Metal Gelangweilten relativ wurst ist, aber ordentlich Alarm macht.

Live war recht mitreißend, was die Youngster in gerade mal 25 Minuten aufboten – inklusive Organisation einer Wall Of Death und dem kontinuierlichen Umrühren der Saalluft mit dem meist vollen Langhaar. „How old are you?“ tönte es aus dem Publikum, welches größtenteils der Peergroup der folgenden Amerikaner zuzuschreiben war. „I am 23, thank you“ raunte Frontröhre Christoffer Kofoed zurück. Nicht frei von Klischees; aber motivierter Death Metal mit starker HC-Kante war das, dem verdienter Achtungsapplaus folgte. Alte Säcke haben in dem Genre jedoch schon ganz andere Sachen erlebt, weswegen es junge Bands ohne eigene stilistische Akzente schwerer haben, zumindest bei mir.

Vor allem, wenn alte musizierende Säcke ihre Energie und ihren Hunger konservieren konnten. Was Kerry King und seine Jungs, namentlich Mark Osegueda am Mikro (DEATH ANGEL), Phil Demmel an der zweiten Gitarre (Ex-VIO-LENCE, Ex-MACHINE HEAD), Kyle Sanders (Ex-SKREW, Ex-Kerry KingHELLYEAH) sowie Paul Bostaph am Schlagzeug (SLAYER, Ex-TESTAMENT, Ex-EXODUS, etc.) machten, war nämlich nicht weniger als die dezent mittelmäßigen Kompositionen des Kerry King-Albums auf ein räudiges und äußerst begeisterndes Niveau zu heben.

Habe ich insgeheim auf ein SLAYER-Cover-Konzert gehofft? Selbstverständlich. Hatte ich nach Ende des Konzertabends mit sechs SLAYER-Titeln in der Setlist das Gefühl, um Lebenszeit oder den Eintritt betrogen worden zu sein? Kein Stück. „Make this night historic“ sprach Osegueda zu Beginn zum, sommerferientechnisch relativ flau gefüllten Auditorium des Clubs, um nach dem sechsten „From Hell…“-Song in blutroter Illumination mit „Repentless“ einen späten, aber trotzdem eben einen SLAYER-Knaller zu präsentieren.

Kerry King

Dass die Zeiten beschissen sind wissen wir alle, auf US-Amerikaner mit offenen Augen trifft das gegenwärtig jedoch in besonderem Maße zu. Vor diesem Hintergrund spie Osegueda den Song „Toxic“ mit den folgenden, hinreißenden Zeilen besonders giftig aus:

Kerry King (Band)„Sanity implies
That there’s intelligence
All I ever find
Is pure incompetence
Laws are washed away
Society will bleed
Scorned and left to die
And now the mutants feed“

„Let‘s unleash our protest with fucking power!“ forderte er die Crowd, die sich größtenteils mit heftigem Kopfschütteln begnügte, zum Mitsingen auf. Zwischen „Disciple“ von „God Hates Us All“ und „Chemical Warfare“ von der heiligen „Haunting The Chapel“-EP von 1984 erinnerte Osegueda an die Band, „ohne die keiner von uns heute hier wäre“ – und damit meinte er nicht SLAYER oder BLACK SABBATH, auf die beides zutrifft, sondern IRON MAIDEN, deren anschließendes Cover von „Purgatory“ dem verstorbenen Sänger Paul Di’Anno gewidmet wurde. Doch auch Kerry King (Band)die Gründerväter wurden später noch bedacht, mit einem ausufernd-psychedelischen „Wicked World“ von SABBATHs Debüt-Album.

„Raining Blood“ (same, 1986) und „Black Magic“ („Show No Mercy“, 1983) machten den Sack perfekt zu, bevor Kerry King und seine bis in die Haarspitzen motivierten Mitstreiter den Titelsong seiner Platte als Abschluss nach etwa 90 Minuten zelebrierten. War das geil? Das war etliche Kniefälle wert. So wie es SLAYER nach jedem von mir besuchtem Gig immer Kerry Kingschafften, einen auszulaugen und physisch auf Anfang zu stellen, so machten King und seine All-Star-Formation die zuletzt von mir gesehenen Auftritte der hinterbliebenen Mitbewerber zur Makulatur. Selbst die, die ich gut fand. Viel Spaß allen, die ihr Monatsgehalt in die Shows von METALLICA gesteckt haben, die nächstes Jahr im Frankfurter Stadion zu sehen sein werden: Hätte ich die Wahl, würde ich stattdessen ohne zu zögern eine Clubtour dieser fünf Herren mitmachen. Stand jetzt: Konzert des Jahres. Willkommen in diesem Blog.

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Text & Fotos: Micha

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