Konzertkarten und ihre Geschichten – Die 00er Jahre, Teil 2

Frankfurt, 30. März 2021

Konzerttickets 00er-Jahre Teil 2Willkommen zum sechsten und letzten Teil unserer kleinen Serie mit kurzen Geschichten und Anekdoten rund um Konzertkarten aus längst vergangenen Zeiten. Bereits im vergangenen Jahr hatten wir je zwei Posts zu den Tickets der Achtziger und Neunziger Jahre veröffentlicht; hier könnt Ihr nun den zweiten Teil zu Shows zwischen 2000 und 2010 lesen (Part 1 haben wir letzte Woche online gestellt). Dabei gibt es noch eine Neuerung: Diesmal haben wir auch ein paar Fotos anzubieten, die bei genau jenen Auftritten entstanden sind, über die wir schreiben. Alle Karten (und die Fotos) lassen sich, wie schon bei den Teilen zuvor, per Mausklick vergrößern. Wir wünschen viel Spaß bei der Lektüre und hoffen, so bald wie möglich wieder über aktuelle Shows berichten zu können.

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Jerry Lee Lewis, Februar 2004

2004 sah ich Jerry Lee Lewis gleich zweimal: im Februar im Blackpool Opera House und im Juli dann im Manchester Opera House zusammen mit Chuck Berry. Ersterer Gig bleibt mir aber besser in Erinnerung, vor allem wegen der Location. Das denkmalgeschützte Opera House aus dem 19. Jahrhundert befindet sich unweit des „Eiffelturms“ in den Winter Gardens, die Ihr vielleicht vom alljährlichen Punk-Festival REBELLION kennt, und ist wunderschön.

Jerry Lee Lewis 2004

Bestuhlung bei Konzerten ist natürlich nicht jedermanns Sache, aber bei Jerry Lee passte das schon. Der Killer, der ja heute noch in die Tasten haut, war 2004 schon nicht mehr der Jüngste, lieferte aber eine solide Show. Nicht immer text-, aber dafür umso tastensicherer. Er ist einfach ein cooler Sack und hatte trotz des eher gesetzten Rahmens immer noch etwas Wildes, Bedrohliches an sich. Und so soll Rock’n’Roll auch sein. Rebellion eben. (jr)

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X-Mas-Festival, Dezember 2004

Erinnert sich noch jemand an das Royal-Kino in der Frankfurter Schäfergasse? Es war mit mehr als 700 Sitzplätzen eines der größten und schönsten Kinos der Stadt und der Ort, an dem ich 1978 als Zehnjähriger den ersten „Star Wars“-Film erleben durfte. Das Royal wurde 1957 eröffnet und schloss 2003 seine Pforten – zumindest für den Kinobetrieb. Bevor das Gebäude 2007 abgerissen wurde, diente es als „Café Royal“ noch als Konzertstätte. Im Dezember 2004 gastierten dort BELPHEGOR, THE BLACK DAHLIA MURDER, VADER, FINNTROLL, NAPALM DEATH und MARDUK. Aufgrund der Location war es eines der ungewöhnlichsten Konzert-Events, denen ich bis dato beiwohnen durfte. Im Saal X-Mas-Festival 2004waren lediglich die Sessel in den ersten Reihen entfernt worden. Im hinteren Bereich und dem Balkon waren die bequemen Liegesitze noch vorhanden und veranlassten viele der Besucher, das Geschehen von dort zu verfolgen, sodass sich vor der „Bühne“, die gerade mal etwa 50 Zentimeter  hoch war, nicht allzu viele Gäste einfanden. Der Sound im Kino war nicht optimal und dass die Bands vor einer weißen Leinwand auftreten mussten, machte die Sache nicht besser. Dennoch war es schön, dem Ort, an dem ich unzählige Filme gesehen hatte, noch einmal Lebewohl sagen zu können. (mm)

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The Bollock Brothers,  Mai 2005

Für den Abend Ende Mai 2005 hatten sich ein Freund und ich eine besondere Taktik zurechtgelegt. Wir bezogen zur Einlasszeit für die Show der BOLLOCK BROTHERS in der Frankfurter Discothek Cooky’s in einem nahen Café Position, mit Blick auf den Eingang der Konzertlocation. Da diese recht klein ist und wir nicht auf den letzten Drücker ankommen wollten um uns nach vorn drängeln zu müssen, beobachteten wir die Situation (okay, im Café war das Bier auch nur halb so teuer wie in dem Tanzschuppen). In der ersten halben Stunde tat sich – gar nichts. Danach fanden sich tröpfchenweise sechs bis acht Leute ein. Schließlich gingen auch wir runter in die Kellerdisco und als der Gig endlich begann, gab es viel Platz vor der Bühne: Nur 15 Menschen wollten die BB noch sehen. Im Hinterkopf hatte ich noch die Szenen von 1987, als ich die Briten in der Batschkapp erstmals und vor vermutlich ausverkauftem Haus erlebt hatte.

Bollock Brothers 2005

Vom Ruhm vergangener Tage war nicht mehr viel übrig. Die Band, die zu ihren Glanzzeiten von den Veranstaltern hofiert wurde, war nun mit Getränkemarken ausgestattet worden, die sie an der Bar einlösen musste. Peinlich war’s mir, die Musiker, die einst weltweit zehntausende Fans hatten, mit ein paar Bons abgespeist zu sehen. Umso netter aber, dass die Combo sich nach dem Auftritt mit uns zu einem langen Plausch zusammensetzte und uns sogar von ihrem Kontingent zu einigen Bierchen einlud. Zu fortgeschrittener Stunde wurde in angeheitertem Zustand noch allerhand Schabernack angestellt, zum Beispiel gewettet, wer es schaffte, eine Bassbox nur mit den kleinen Fingern in den Van zu heben (ich nicht, das Ding war verdammt schwer!). Aber dem Gitarristen und meinem Kumpel gelang das sogar. So klang der Abend für alle Seiten mit viel Spaß aus; die Songs der BB sind eh über jeden Zweifel erhaben. (sm)

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Jackie Leven, November 2005

Singer/Songwriter, die ursprünglich vom Punk kamen, die Hundertdrölfste: Der Schotte Jackie Leven lärmte einst bei DOLL BY DOLL. Nach deren Ende schuf er faszinierende, Celtic-Folk-affine  Soloalben mit entweder sehr sparsamem, Jackie Leven 2005reduzierten Sound oder mit viel Hall sowie fetter Produktion. Beides gelang ihm vortrefflich. Ausgebremst wurde seine Karriere durch einen Überfall 1983, der ihm das Sprechen lange unmöglich machte und eine Heroinsucht zur Folge hatte. Ab Mitte der Neunziger war er wieder in der Spur und trat häufig im Frankfurter Sinkkasten auf, dem heutigen Zoom. Für seinen Fanclub produzierte er regelmäßig Jackie Leven 2005limitierte Alben. Leven unterhielt sein Publikum nicht nur mit wunderschönen Melodien sondern auch mit melancholischen bis witzigen Texten voller realer und fiktiver Beobachtungen. 2005 betourte Leven „Elegy for Johnny Cash“, entstanden aus Respekt vor dessen beeindruckendem Spätwerk. Im Sinkkasten mussten wir auf die Mitwirkenden des in Beirut aufgenommenen Albums verzichten, Levens Sidekick Michael Cosgrave am Piano war jedoch anwesend und unterstützte den Meister einmal mehr bei seinem Vortrag, der spartanischer ausfiel als das Album, jedoch nicht weniger faszinierte. Jackie Leven fehlt seit 2011, er sollte nicht vergessen werden. (mt)

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Joe Bonamassa Band, April 2006

Die Auftritte des Blues- und Bluesrock-Gitarristen und Sängers Joe Bonamassa wurden in den vergangenen Jahren gerne als „The Guitar Event of the Year“ angekündigt. Mit dem für ihm typischen feinen Anzug, zurückgegelten Haaren und der Sonnenbrille gibt der Amerikaner jedes Jahr mindestens 200 Konzerte. „I am always on tour“, sagt er dazu selbst. Aber 2006 war Bonamassa noch nicht so bekannt und er trug auch noch keine Sonnenbrille oder einen teuren Anzug. Bei seinem ersten Besuch in Frankfurt erschien der etwas pummelig wirkende Künstler mit Joe Bonamassa Band 2006einem Powertrio in Jeans und Hemd, wie sein großes Idol Rory Gallagher, auf der kleinen Bühne im mäßig gefüllten Frankfurter Sinkkasten. Wer dabei war, wird wie ich noch immer von der unglaublich guten Show des damals 28-Jährigen schwärmen. Er spielte alte Blues-Klassiker, aber auch Songs von seinem dritten Album „You and Me“. Das alles wurde mit einer Leichtigkeit und Präzision vorgetragen, die man nur ganz selten sieht. Nach dem Gig kam Bonamassa entspannt zurück in dem Zuschauerraum und signierte Platten, CDs und Konzertkarten (siehe Foto). Vier Monate später spielte er im Aschaffenburger Colos-Saal, danach gab es nur noch große Hallen für den Ausnahmekünstler. Und damit auch „große“ Ticketpreise. (evr)

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Fish, November 2006

Wann hat es eigentlich mit den Jubiläumstouren angefangen? Ungezählte Bands reisen mittlerweile mit einem „Classic Album“ im Gepäck rund um die Welt. Die Strategie dahinter ist einfach: Eine bekannte und erfolgreiche Platte wird im Fish 2006Rahmen eines Jubiläums komplett durchgespielt. Die älteren Fans freuen sich ihre Helden wieder zu sehen und die jüngeren Fans bekommen die Gelegenheit die frühen Songs endlich live hören zu können. Ob die Bands dann noch in der Originalbesetzung sind, spielt oft eine untergeordnete Rolle. So lief es auch bei dem schottischen Sänger Derek Dick, besser bekannt als Fish, der mit dem Album „Misplaced Childhood“ von seiner ehemaligen Formation MARILLION durch Europa tourte. Fish 2006Das 1985 erschienene Werk war der kommerziell erfolgreichste Tonträger der Progrocker aus England. Mit „Return to Childhood – 20th Anniversary of ‚Misplaced Childhood’“ besuchte Fish mit seiner eigenen Band im November 2006 den Colos-Saal in Aschaffenburg. Und die Strategie ging wieder einmal auf: Der Konzertsaal war komplett ausverkauft, die Anhänger schwelgten bei Songs wie „Kayleigh“ und „Lavender“ in ihren Erinnerungen und kauften wenige Monate später wahrscheinlich noch die exklusive Tour-Edition. Alles richtig gemacht! 2015 spielte Fish dann erneut im Colos-Saal: Und ja, es war die „Farewell to Childhood-Tour“! Da fragt man sich: Was passiert 2025? (evr)

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Metallica, Mai 2009

Ich kann mich noch daran erinnern, 1986 ständig „Master of Puppets“ auf dem Walkman gehört zu haben. Aber es dauerte dann noch mal 23 Jahre bis ich die Gelegenheit hatte METALLICA endlich live zu sehen. 1984 spielten sie zum ersten Mal in Frankfurt, im Volksbildungsheim, danach gastierte die Band in der Metallica 2009Offenbacher Stadthalle (1987) und später gab es noch zwei Gigs in der Festhalle. Auch im Mai 2009 trat die Formation in der Frankfurter „Gut Stubb“ auf, und mit den Support-Acts MACHINE HEAD und THE SWORD konnte nichts mehr schief gehen. Die Bühne war, etwas gewöhnungsbedürftig, mittig platziert und somit konnten die Fans von allen Seiten das Geschehen auf dem Podest erleben. Und ja, dann spürte man auch auf den Rängen die Pyrotechnik, die bei einem Song wie „One“ reichlich eingesetzt wurde, aber dem Publikum musste eh nicht mehr eingeheizt werden.

Metallica 2009

Die infernalische Lautstärke sorgte zudem dafür, dass die Festhalle tatsächlich bebte, und das habe ich seitdem nie mehr erlebt. Auch wenn die Ohren noch Tage nach dem Konzert klingelten: Es war ein einmaliges Erlebnis. Nach dem Auftritt konnte man die Show (wie alle METALLICA-Gigs) noch sauber als MP3 runterladen und sich wundern, wie gut der Sound in der Festhalle war! (evr)

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Nomeansno,  Juli 2009

In den Neunziger und „Nuller“-Jahren waren die Hardcore-Frickler von NOMEANSNO ein steter und gern gesehener Gast im großen Saal des Frankfurter ExZess. Im Abstand von meist zwei Jahren schaute das leider inzwischen aufgelöste Trio aus dem kanadischen Vancouver vorbei, um einige Hundert Fans zu bespaßen, die Shows waren fast immer ausverkauft. Ich hatte mehrfach das Vergnügen, die Jungs dort zu erleben, und eine Begebenheit, die sich erst nach dem Auftritt zutrug, ist mir besonders in Erinnerung geblieben. Ich kann heute nicht mehr sagen, ob das 2009 war oder vielleicht erst 2011, aber das spielt letztlich auch keine Rolle. Nach dem üblichen Geplänkel innerhalb der Peer Group, wem das Konzert warum am besten gefallen hatte, schlenderte ich zum Merchtisch hinüber, um mir ein weiteres Album der Band zu kaufen. Danach ging ich in Richtung Bühne, um mir das Werk noch unterschreiben zu lassen. Als Erster lief mir der Schlagzeuger John Wright über den Weg; seinen Bruder, den Bassisten und Sänger Rob Wright, erspähte ich Nomeansno 2009beim Abbau des Equipments. Beide signierten gern und prompt die Platte. Wer wie vom Erdboden verschluckt schien, war der Gitarrist Tom Holliston. Da ich Angst hatte, nicht die Unterschriften der kompletten Band zusammentragen zu können (ja, bei Nerds ist das so), beschloss ich, einfach bei Rob nachzufragen. Er bedeutete mir, ich solle doch mal in einem rechts der Bühne gelegenen, provisorisch abgeteilten Gang nachsehen. Ich bewegte mich dorthin, schob einen Vorhang zur Seite und tatsächlich: Ganz am Ende des etwa zehn Meter langen Schlauchs saß Holliston, in fast kompletter Dunkelheit, auf einem Stuhl. Der Mann, der fünfzehn Minuten zuvor noch Begeisterungsstürme bei hunderten Fans entfacht und maximal abgefeiert worden war, musste erstmal runterkommen, sich sammeln, Abstand vom Adrenalin-Overkill der vergangenen zwei Stunden gewinnen. Ich war nicht sicher, ob ich ihn jetzt stören sollte, pirschte mich aber trotzdem heran und fragte nach seinem Autogramm. Holliston blickte langsam auf und ich hätte es ihm nicht mal übel genommen, wenn er mich angefaucht hätte. Aber er lächelte mich nur freundlich an und sagte: „Of course“. Danach unterhielten wir uns noch ein paar Minuten und verließen gemeinsam die dunkle Zone, zurück ins gleißende Licht der sich leerenden Konzerthalle. (sm)

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Mischief Brew, Juli 2009

Mischief Brew 2009Dass man eine hervorragende Band gleich zweimal an einem Tag an unterschiedlichen Plätzen sehen kann, kommt sicherlich nicht häufig vor. Mir ist es vorher nicht und auch nachher nie wieder passiert. Die Folk-Punk-Rocker MISCHIEF BREW aus Philadelphia waren am späten Nachmittag des 11. Juli 2009 als eine von insgesamt vier Bands für einen Open Air-Auftritt im Solmspark im Frankfurter Stadtteil Rödelheim gebucht. Der Gig gefiel mir so gut, dass ich beschloss, mir die Truppe am Abend nochmal, nämlich im nur wenige Kilometer entfernten ExZess in Bockenheim anzusehen. Mir war bewusst, dass ich vermutlich das gleiche Set noch einmal hören würde, aber Pustekuchen! Die Songauswahl war eine fast komplett andere, sodass es nach der rund einstündigen Show beim Parkfest nochmal 90 Minuten mit „neuen“ Liedern im Club obendrauf gab. In einem Mischief Brew 2009Gespräch nach dem Konzert freuten sich die Jungs, dass es jemand (und ich war bestimmt nicht der Einzige) zu beiden Gigs geschafft hatte, denn genau für diesen Fall hatten sie ihre Setlisten abgestimmt. Genug Material hatten sie mit (damals) vier Alben und diversen Singles sowieso. Apropos Singles: Am Merchtisch konnte man eine 8-Inch-EP (schon das Format ist ungewöhnlich) mit vier Stücken erstehen, je zwei von MISCHIEF BREW und von ANDREW JACKSON JIHAD. Der Clou: Die Rillen der Songs verlaufen konzentrisch parallel – Je nachdem wo die Nadel aufgesetzt wird, gibt es quasi nach dem Zufallsprinzip entweder die elektrische oder die akustische Version zu hören. Beim Konzert dabei war seinerzeit auch Sänger Erik Petersen. Er nahm sich 2016 im Alter von 38 Jahren das Leben. (sm)

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The BossHoss, Juli 2009

Ob ich mir in Deutschland jemals THE BOSSHOSS live angetan hätte, weiß ich nicht. Irgendwie zu groß und mainstream-lastig. Aber sie 2009 in Manchester zu erleben war etwas ganz Anderes. Hier kannte die eigentlich niemand, wenn überhaupt, dann Leute aus der Rock’n’Roll-Szene aufgrund Saschas vorheriger Band HOT BOOGIE CHILLUN. Der Auftritt in der Ruby Lounge vor rund 250 Gästen war ein richtig geiler, verschwitzter Club-Gig. Die talentierten Musiker The Boss Hoss 2009gaben auf der Bühne absolut Vollgas, mit viel Interaktion mit dem Publikum. Übrigens war das noch ein vergleichsweise großer Gig. Im November 2008 hatte ich sie im noch kleineren Night & Day Café gesehen, und im Mai 2008 in einer Kneipe im Dorf Tottington in Lancashire – Eintritt frei. Alle drei Konzerte waren genial. Dass Sascha sich überhaupt nach England zurücktraute, ist interessant. Als er mit den HOT BOOGIE CHILLUN 2004 in einem anderen Kaff in Lancashire, Ince-in-Makerfield, auftrat (ich war dabei), stürmte ein erboster Ted die Bühne und versetzte ihm ein paar Faustschläge ins Gesicht. (jr)

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Texte: Eric (evr/3), Stefan (sm/3), Jan (jr/2), Micha (mt/1),  Marcus (mm/1)
Fotos (Metallica, Fish): Eric / Foto (Jackie Leven): Micha

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