Alte Seilerei, Mannheim, 13.10.2015
Rückblick: Ein Rockkonzert im Bürgerhaus Frankfurt-Nied. Kam bisher erst einmal in meiner Laufbahn als Konzertgänger vor, es war aber ein ziemlich legendäres: PUBLIC IMAGE LTD., kurz PIL, beehrten den von der Batschkapp gebuchten Ort zu der Zeit, als sie einen mittelschweren Hit in den Charts hatten, der ständig in „Formel 1“ gezeigt wurde. Formel 1? Ja, liebe Leser, vor laaaanger Zeit gab es einmal in der Woche 45 Minuten Videoclips aus den Hitparaden im Fernsehen. Ich spreche von 1986; und davon zu berichten erinnert an die Geschichten, die mir mein Opa aus dem Krieg erzählte. Komplett andere Zeiten. Aber ab und an gab es sehr gute Musik in den Hitparaden.
Dass John Lydon, Mastermind von PIL, vorher bei dieser kurzlebigen Band gesungen hat, die durch Rüpeleien, viel Rotze und harten Rock’n’Roll die Musikgeschichte revolutionierte – geschenkt, das setze ich mal als bekannt voraus. Als der vorher unter dem Namen Johnny Rotten bekannt gewordene Lydon PIL gründete zog er mutig einen Schlussstrich unter seine Punkvergangenheit, beziehungsweise er hob den Punkgedanken auf ein neues Level – mit „anything goes“ und barrierefreier Geisteshaltung hatten doch mehr musikalische Revoluzzer ein Problem, als man vielleicht erwartet hätte.
PIL spielten Dub, avantgardistischen Rock, New- und noch mehr No Wave. Der später mit Robert Plant arbeitende Jah Wobble gehörte zu den Gründungsmitgliedern, ebenso wie Keith Levene (Ur-CLASH und später verbandelt mit dem ON-U SOUND-Label von Adrian Sherwood). Viel Rhythmus also. Da all die Musiker irgendwann mit dem Jazzbassisten und Produzenten Bill Laswell zusammenstießen verwundert es auch nicht, dass dieser höchstselbst auch mal bei PIL zu hören war. Ebenso wie Schlagzeug-Gigant Ginger Baker (behaupten einige, nicht aber die offizielle PIL-Seite), dessen afrikanisch-inspirierte Alben auch von Laswell produziert wurden. War das noch Punk, mit alten Hippies zusammen zu arbeiten? Es war auf jeden Fall großartig.
17 Jahre lang, von 1992 bis 2009, gab es nichts Neues mehr von PIL, weder live- noch tonträgertechnisch. Lydon schrieb seine erste von bisher zwei Autobiografien und veröffentlichte ein Soloalbum. Seit 2009 bestehen PIL wieder aus dem Neuzugang Scott Firth am Bass sowie den bereits vor der Pause zur Band gehörenden Bruce Smith und dem Gitarristen Lu Edmonds. Über diesen haben wir schon mit seiner Stammband, den folkigen MEKONS, in diesem Blog berichtet (klicke hier).
Diese Besetzung stand auch auf der Bühne der von uns allen erstmals besuchten Alten Seilerei in Mannheim – ein sehr netter, praktischer Bau, der in puncto Größe die alte Batschkapp leicht schlägt und mit einem fetten Grill auf dem
Außengelände gesegnet ist, bei dem es für neumodischen Quatsch wie Vegetarier (Achtung: Ironie) jedoch nichts zu futtern gibt. Aber immerhin, in der Kapp gab es nur den Bretzelmann ein paar Minuten am Abend. Wir schlossen das Personal der Seilerei sofort ins Herz, als es (durch den plötzlichen Wintereinbruch und einen immer noch stattfindenden Soundcheck innerhalb der Öffnungszeiten) die vor der Tür
frierenden Gäste mit Jägermeister für umme aufwärmte. Sehr nett, habe ich vorher auch noch nie erlebt. Vielleicht sollte das klebrige Gesöff aber auch die drohenden Töne erträglicher machen, die die noch probenden HOTEL SCHNEIDER (einige Bilder in der Slideshow unten) vor dem Auftritt der Helden aus GB auf das zum Großteil nicht vorgewarnte Publikum losließen. Da hätte es aber eigentlich noch ein paar Pullen mehr gebraucht.
Kollege Kai brachte es auf den Punkt: „Die sind ja nicht verkehrt“, meinte er weise, „aber die gehören hier nicht hin.“ Schön formuliert. Man könnte auch fragen, wer auf die blöde Idee kam eine durchaus begabte Combo zwischen WIR SIND HELDEN (gut) und den SPORTFREUNDEN STILLER (ätzend), vor eine Band zu buchen, deren Publikum zu 90 Prozent aus alten Säcken besteht. Zu gefälligem, glatten Sound rief Gitarrist, Sänger und Ex-MUFF POTTER-Mitglied Dennis Scheider „Du bist ein Zerstöreeeer – Du bist ein Transfoormeeer“ der verdutzten bis gelangweilten Menge zu, die das Ganze stoisch ertrug. Vollkommen unbeeindruckt von der fehlenden Resonanz machte die Truppe noch ein Selfie vor dem angeödeten Publikum und lud alle ein, Freunde bei Facebook zu werden. Ja, klar.
Obwohl der Umbau nach der halben Stunde Kindergeburtstag zügig vonstatten ging, wurde bis zur vollen Stunde gewartet, bis PIL die Bühne betraten. Vorher schaute ich noch am Merchstand vorbei um neue Musik bzw. die neue, zweite Autobiografie zu erstehen. Doch nur Klamotten flatterten umher, „No music, no books“ hieß es lapidar. Naja. Bei Tchibo bekommt man ja heutzutage auch eher neue Schlüpfer als eine Tasse Kaffee.
Mit den Openern des aktuellen Albums, „Double Trouble“ und „Know How“, wurde kurz nach 21 Uhr begonnen – der Überhit von 1984, „This is not a Love Song“ (Clip dazu weiter unten), kam schon als drittes Stück. Viele Songs kannte ich nicht oder kaum, es wurden von etwa acht verschiedenen Veröffentlichungen Lieder präsentiert, von der aktuellen dabei vier.
Es war aber auch ziemlich egal, was das für Stücke waren, weil die meisten in endlos scheinende Jams entrückten; sehr rhythmisch, sehr tanzbar, sehr New York-Style Ende der Achtziger mit einem Hauch Psychedelic. Grace Jones trifft HAWKWIND, übertrieben formuliert. Zelebriert von dieser Fleisch gewordenen Ironie, die zackig dirigiert, ständig Grimassen schneidet und stimmlich nach wie vor über jeden Zweifel erhaben ist. Avantgardistisch ist das vielleicht nicht mehr, aber immer noch sehr bewegend und leicht schräg.
Als nach 105 Minuten mit „Rise“ vom 1986er „Album“ Schicht im Schacht war, war die Generation 45+ zufrieden bis entzückt, auch die, die einst im Bürgerhaus Nied dabei waren. Nicht mit nostalgisch verklärtem Blick. Sondern einfach, weil das ein großartiger Auftritt war. Bitte nicht wieder 29 Jahre warten bis zum nächsten Besuch.
Setlist: Double Trouble / Know How / This is not a Love Song / Bettie Page / Disappointed / The One / Deeper Water / Corporate / Death Disco / The Body / Warrior / Bags / Chant / Religion // Public Image / Rise
Links: http://www.hotel-schneider-band.de/, https://www.facebook.com/willkommenimhotelschneider, http://www.last.fm/de/music/Hotel+Schneider, http://www.pilofficial.com/info.html, https://myspace.com/pilofficial, https://www.facebook.com/pilofficial, https://soundcloud.com/public-image-ltd-pil, http://www.last.fm/de/music/Public+Image+Limited
Text & Clips: Micha / Fotos: Kai
Alle Bilder:






