Alte Oper, Frankfurt, 7.04.2025
Jaaa, auch elektronische Musik hat bei uns einen Platz. Erst recht, wenn ein Vertreter der absoluten Königsklasse wie TANGERINE DREAM in der Alten Oper zu Frankfurt gastiert. Und weil bei einer Formation eines derartigen Kalibers vier Ohren und Augen mehr hören und sehen als nur zwei, besuchten gleich zwei unserer Autoren, Micha und Stefan, das Konzert im Großen Saal der vermutlich schönsten (und außerdem akustisch besten) Veranstaltungsstätte in der Mainmetropole. TANGERINE DREAM trat zuletzt 2007, also vor 18 Jahren, an gleicher Stelle auf und startete nun ihre acht Shows umfassende Deutschland-Tour. Dass der Auftakt in Frankfurt stattfand war kein Zufall – die Gruppe hatte einen ganz bestimmten Grund, hierher zu kommen, auf den wir später noch eingehen. Im Folgenden schildern wir unsere Eindrücke zum Auftritt, beginnend mit Stefan.

Wie nähert man sich einer weltbekannten Gruppe, die mehr als 100 Platten veröffentlicht hat und über die es diverse Bücher gibt? Ich will hier nichts erzählen, was man auf hunderten Seiten Literatur nachlesen könnte. Auch bin ich kein Intimus des TANGERINE DREAM’schen Kosmos. Für mich kann eine Einordnung und Bewertung des Konzertabends daher nur gelingen, wenn man auf ihn als Großes Ganzes schaut, auf einer Metaebene sozusagen. Was habe ich gesehen? Was habe ich gefühlt? Konnte mich das audio-visuelle Konzept dieser Pioniere und bewunderten Ikonen elektronischer Musik fesseln?
Die drei aktuellen Mitglieder der Gruppe betraten um kurz nach 20 Uhr die Bühne: Thorsten Quaeschning, seit 20 Jahren bei der Band aktiv und inzwischen deren musikalischer Leiter, stellte sich in der Mitte zwischen eine Wagenladung elektronischer Gerätschaften wie Sequenzer, Synthesizer und Co. Rechts von ihm stand die Japanerin Hoshiko Yamane (seit 2011 dabei) mit ihrer Violine und links von ihm der neueste Zugang der Formation, Paul Frick, der 2020 zu TD stieß und sich ebenfalls hinter zahllosen Tasten, Knöpfen und
Reglern positionierte. Vor, neben und hinter den Künstlern waren 14 jeweils etwa einen Meter hohe Leuchtkörper symmetrisch platziert worden, die je nach Programmierung in unterschiedlichen Farben blinken und schöne Lichteffekte produzieren konnten. Anstelle eines Backdrops befand sich hinter den Musikern eine riesige Videoleinwand.
Quaeschning begrüßte zuerst das Publikum – als Mittfünfziger lag man ziemlich genau auf dem Altersschnitt – und kündigte dann an, dass die Gruppe in der Mitte des Konzerts bei ihrer „Live-Session“ (zu jeder Show gehört eine so genannte Echtzeit-Komposition, die auf die Akustik des jeweiligen Auftrittsorts abgestimmt wird) die Sitze der Alten Oper vibrieren lassen wolle. Ein kurzer Test folgte und ja, der Bass grummelte schon ordentlich in der Magengrube. Bei der späteren, rund 30 Minuten langen Session sollte es allerdings nicht ganz so laut und der Effekt daher nicht unangenehm rumpelig werden.
Anschließend startete TANGERINE DREAM mit dem musikalischen Part, der 15 – zum Teil sehr lange – Lieder umfasste. Ich kann leider nicht sagen, welche davon zur „blauen Phase“ der Band gehören, welche zu den „Pink-“, den “Virgin-“ oder den „Quantum-Years“. Es wäre interessant gewesen zu erfahren, wieviele Personen im fast voll besetzten Saal alle Songs kannten und benennen konnten. Mir gelang das lediglich beim zweiten Stück: Das war „White Eagle“,
das leicht abgeändert zum großartigen Soundtrack des Schimanski-Tatorts „Das Mädchen auf der Treppe“ (1982) gehörte. Es sollte im weiteren Verlauf der Show das einzige Lied bleiben, das ich mit Sicherheit zuordnen konnte.
In den folgenden gut zwei Stunden wechselten Stücke mit den für TANGERINE DREAM typischen sphärischen bis hin zu technoiden Sounds, mantraartig wiederholten Klängen sowie hymnenhaft-sinfonischen Passagen aus den verschiedenen Schaffensperioden der bereits 1967 gegründeten Formation bis zu den aktuellsten Veröffentlichungen. Das Ganze wurde unterstützt von einem visuellen Konzept auf der mittels Beamer bespielten Leinwand über den Köpfen der Musiker. Mich überzeugte das optische, mit der Musik matchende Potpourri, das auf x-mal gesehene Darstellungen à la Spacenight verzichtete. Was alles stattdessen über die Leinwand flimmerte, ist zum Teil auf den Fotos zu sehen.
Ein Motiv war mehrfach präsent: Fotografien des 2015 verstorbenen Bandgründers Edgar Froese – mal überblendet unter Wasser zwischen Buckelwalen, mal mit seinen Instrumenten oder ganz leger mit Cowboyhut und Sonnenbrille. Eine schöne Möglichkeit, dem „Übervater“ der Formation ein ehrendes Andenken zu bewahren. Dass Froese auch bei den Fans unvergessen ist, bewies ein lauter Zwischenruf aus dem Publikum („Thank you,
Edgar!“) bei einer Danksagung durch Bandchef Quaeschning vor der Zugabe.
Dieser bedankte sich bei der Verabschiedung beim Publikum für das zahlreiche Erscheinen und wies auf die Ausstellung „Tangerine Dream: Zeitraffer“ hin. Die Schau war am Vortag im Frankfurter Museum of Modern Electronic Music (MOMEM) im Beisein von TANGERINE DREAM eröffnet worden (deswegen fand der Tourauftakt hier statt) und ist noch bis zum 28. September zu sehen. Quaeschning versprach außerdem, bis zum nächsten Auftritt in Frankfurt nicht wieder 18 Jahre ins Land gehen zu lassen. Das würde ich sehr befürworten. Ich habe mich hervorragend unterhalten gefühlt, konnte hin und wieder abtauchen in die Klangwelten der am Ende von den Zuschauern mit „standing ovations“ gefeierten Band. Es war ein beeindruckender Konzertabend, ein 140-minütiger Rausch der Farben, des Lichts, der Bilder und des Sounds, der noch einige Zeit nachwirkt.
Und damit übergebe ich an meinen Kollegen Micha für seine Einschätzung der Ereignisse.
Musikalische Sozialisation, so wichtig. Nachdem mein Vater mit seinen Elvis- oder Peter Kraus-Singles den Grundstein für meine lebenslange Rock’n’Roll-Begeisterung legte und mein, um ein bis zwei wichtige Jahre älterer Nachbar mich mit dem Riff von „Smoke On The Water“ erstmals in Berührung brachte, war es vor allem der Plattenkeller des auf Reisen befindlichen Bruders einer Schulfreundin, der einen wichtigen Einfluss auf meine Geschmacksentwicklung hatte. TON STEINE SCHERBEN, die noch hervorragenden ROLLING STONES der Siebziger Jahre, Rory Gallagher – Texte und Gitarren, die zum Teil noch
heute bleibenden Wert für mich verkörpern, fanden sich dort. Außerdem im Patchouli-geschwängerten Plattenstapel: ohne Ende Scheiben von Klaus Schulze sowie von TANGERINE DREAM. Das wurde von mir registriert und auch gerne mitgehört, ich war ja nicht alleine in diesem Wunderkeller. Für mich gab es aber erst mal nur Gitarren, Gitarren, Gitarren (sowie Saxophone) – und das über die Dauer von mehreren Jahrzehnten. Trotz „Wir sind die Roboter“ (KRAFTWERK) in laubvernichtender Lautstärke im Landschulheim.
Meine Liebe zum Film und deren Soundtracks verschaffte mir dann einen intensiveren Erstkontakt mit den Werken zu „Thief“ (1981) sowie „Sorcerer“ (1977) – beides Klasse-Streifen in meiner Welt. Die Musik dazu, im Gegensatz zum Hauptwerk von TANGERINE DREAM, relativ kurz und knackig, wie es bei Soundtracks halt so ist. Stimmungvoll jedoch und nice, was die Kritik im Fall von „Sorcerer“ unterstrich. „Thief“ dagegen wurde gar für die Goldene Himbeere als miesester Score nominiert, „musste“ sich allerdings gegen den OST von „Lone Ranger“ (John Barry) geschlagen geben.
Erst als ich im hohen Alter bisher liegengebliebenen Krautrock sowie Ambient-Kram etwas abgewinnen konnte, rutschten Klaus Schulze (Schlagzeuger des ersten TD-Albums, danach Komponist und Elektronik-Pionier ähnlich wie TD-Mastermind Edgar Froese) sowie TANGERINE DREAM in meine Playlisten – mal die Klassiker wie „Phaedra“ (1974), mal was von der aktuellen Besetzung („Raum“, 2022). Es bleiben jedoch noch tonnenweise Alben, die ich nicht kenne. Ich bin also weit davon entfernt, ein Kenner der Materie zu sein, war aber sofort
interessiert als ich im Programm der Alten Oper entdeckte, dass TD zur Eröffnung der Ausstellung im MOMEM (näheres hier) nach 18 Jahren mal wieder in Frankfurt spielen würden. Mit einer Setlist, die mit dem Thema von „Sorcerer“ begann und insgesamt fünf Stücke von „Raum“ enthielt, kam mir das Trio um TD-Vorsteher Thorsten Quaeschnig sowie seinen Mitstreiter*innen Paul Frick und Hoshiko Yamane an weiteren Tasten sowie E-Violine dabei entgegen.
Wie Quaeschnig vor dem Gig ankündigte, durfte das Publikum ein knapp 90-minütiges Set erwarten, welches viele Phasen TDs streifen und anschließend in einer Live-Komposition kulminieren würde. Spätere Zugaben seien allerdings nicht ausgeschlossen, sollte daran Interesse bestehen. Vor verschiedenen Farbspielen und Filmen, die das Trio zum Beispiel beim Suchen und Aufnehmen von Field-Recordings zeigte, wurden unter anderem Themen aus dem von TD verfassten Soundtrack zum Videospiel GTA5 performt sowie als Hommage an TD-Gründer Edgar Froese „Song Of The Whale, Pt.2“ – bei dem sich ebensolche Wale optisch mit Portraits aus unterschiedlichen Lebensabschnitten Froeses vermengten.
Erstaunlich für mich als TD-Neuling waren die synthetischen „E-Gitarren“-Einsätze, die Quaeschnig mehrmals dem begeisterten Publikum präsentierte und die sich in punkto Gniedelei kaum vom Klang eines Saiteninstruments unterschieden. Auch Froese spielte Gitarre; TANGERINE DREAM startete als Rockband, bevor die Synthies bald das Klangbild definierten. Dass auffallend viele Metal-Shirts und Kutten im Großen Saal der Alten Oper zu erspähen waren, mag damit zu tun haben. Oder mit der Tatsache, dass die US-Death Metal-Band BLOOD INCANTATION ihre Riffs auf ihrem letzten Album „Absolute Elsewhere“ mit sphärischen Interludes, gespielt von Thorsten Quaeschnig, verband und damit die Jahresbestenlisten so ziemlich aller Metal-Magazine besetzte.
Mein absolutes Highlight war dann allerdings die Live-Komposition, die setlist.fm „Frankfurt Session in E Minor“ nennt und die mit 32 Minuten ein abwechslungsreiches, faszinierendes Klangbad offerierte, welches die Anwesenden zu Begeisterungsstürmen trieb, die selbstverständlich zu einer Zugabe führten. Einer zeitlich sehr intensiven Zugabe, in der sich auch die eine oder andere Beliebigkeit in die Gehörgänge schlich. Trotzdem war es durchweg
spannend zu verfolgen, welchen Impact dieser Sound auf so vieles hatte, was die Geschichte der Popmusik prägte: Disco. Techno. House. Wave. Psychedelic. Am Ende des fast zweieinhalb Stunden währenden Konzertabends gab es Standing Ovations für die Institution auf der Bühne, die beeindruckt von der „besonderen Energie“ in Frankfurt berichtete und Werbung für den nächsten Gig in Baden-Baden machte. Und versprach, Frankfurt nicht mehr so lange zu ignorieren wie zuvor. Wir nehmen sie hoffnungsvoll beim Wort.
Links: https://www.tangerinedreammusic.com/, https://www.facebook.com/tangerinedream.official, https://tangerinedreamofficial.bandcamp.com/, https://www.instagram.com/tangerinedreamq/, https://www.last.fm/music/Tangerine+Dream, https://www.setlist.fm/setlist/tangerine-dream/2025/alte-oper-frankfurt/
Text & Fotos: Micha/Stefan
Alle Bilder:













