PUSSY RIOT DIANA BURKOT, NEW AGE DOOM, UNICORN PARTISANS

Das Bett, Frankfurt, 17.02.2025

Pussy Riot Diana BurkotKeine vier Monate nach ihrem Gastspiel im Rüsselsheimer Club „Das Rind“, das ich aus gesundheitlichen Gründen leider nicht besuchen konnte, gaben mir ein Gründungsmitglied des russischen Aktivistinnen-Kollektivs PUSSY RIOT, Diana Burkot (Foto rechts), sowie ihre Begleitung, das kanadische Heavy-Duo NEW AGE DOOM, dankenswerterweise eine weitere Chance, sie zu besuchen. Dabei kamen sie mir sogar noch ein paar Meter entgegen. Ob sich dieser zweite Auftritt im Rhein/Main-Gebiet auf die Besucherzahlen auswirkte, vermag ich nicht zu sagen – 80 Tickets wurden im Vorverkauf abgesetzt und etwa ein Drittel der Besucherfläche im Frankfurter Club „Das Bett“ durch Bistrotische und Barhocker dezent eingerahmt, um die zu Erwartenden etwas heimeliger an den Bühnenrand zu binden.

Darüber hinaus wurde kurz vor dem Event noch ein Opener gebucht, der es in sich hatte und den Anti-Putin-Abend noch ideologisch sowie musikalisch bereicherte: das Duo UNICORN PARTISANS. Es besteht aus dem Schlagwerker Jean „Scheng“ Jacobi alias Scheng-Fou, der bereits drei Tage vorher in der Unicorn PartisansFrankfurter AU mit GUTS PIE EARSHOT performt hatte (Bericht hier),

Unicorn Partisans

sowie Tan-Ya, der ehemaligen Sängerin von Принуждение к миру (PEACE ENFORCEMENT) aus Murmansk. Angezogen von diesem unterhaltsamen wie hochpolitischen Billing wurden ein paar, hauptsächlich als feminin von mir gelesene Menschen sowie ältere Punkfreunde männlichen Geschlechts, für die das Rauchverbot im Veranstaltungsort ungewohnt oder Unicorn Partisanszumindest unbequem war. Trotzdem wurde sich daran gehalten, danke dafür.

Im Vergleich zu den Headlinern boten die UNICORN PARTISANS deutlich mehr Merch und Informationsmaterial auf. Interessierte konnten sich zum Beispiel Broschüren über „Die Rechtslage von LGBTQ-Personen im kriegführenden Russland“ oder „10 Terrible Leftist Arguments Against Ukrainian Resistance“ mitnehmen – vorzugsweise gegen Spenden für die Ukraine. Dann durfte man sich auch mit kiloweise Stickern eindecken, um ein paar weniger nette Aufkleber auf dem Weg nach Hause zu überkleben. Ihre EPs „Dance, Fight, Glitterize“ sowie „Repression Depression“ waren ebenso in diversen Formaten für kleines Geld zu erstehen – darauf findet man Songs wie

Unicorn Partisans

„Deutsche Publizisten“ oder „Computer Kaputt“, die allesamt einen Riesenspaß machen. High Energy Techno-Punk mit E-Drums und Megaphon, optisch mit rasanter Lichtspielerei in Szene gesetzt und Inhalten wie „Freedom To Belarus“ oder „Lukaschenko should piss off“.

Unicorn PartisansWer sich den Wikipedia-Artikel über Alexander Lukaschenko durchliest (hier) bekommt dabei vielleicht einen Eindruck, wieviel Mut es kostet, sich öffentlich so zu positionieren, selbst in der Diaspora. Ein Umstand, den UNICORN PARTISANS mit PUSSY RIOT gemein haben. Dass diese Inhalte darüber hinaus mit solch ansteckender guter Laune verbreitet werden, ist fast als ein kleines Wunder zu bezeichnen. Ob diese gute Laune eine Woche später, nachdem die USA in großem, sowie die mit erfolgreich erarbeiteten 8,8 Prozent in den Bundestag einziehende Partei „Die Linke“ in kleinerem Maße die Ukraine verkauft, verarscht und allein gelassen hat, noch so ohne weiteres aufrecht erhalten werden kann, wage ich zu bezweifeln. Ein Schmähsong über Putin machte nach 45 Minuten den Sack zu. Klasse Auftritt.

New Age DoomAls nächstes betraten NEW AGE DOOM die Bühne. Das Duo aus Vancouver/Kanada,

New Age Doom

bestehend aus Greg Valou (Gitarre plus X) und Eric J. Breitenbach (Schlagzeug), veröffentlichte in der Vergangenheit Tonträger mit verschiedenen Vokalist*innen, die sich soundtechnisch stark voneinander unterscheiden. Allen gemein ist eine Annäherung an verschiedenste Wirkungen von Sound, welche man am ehesten unter Drone subsumieren könnte; als New Age Doomavantgardistisch bis psychedelisch und mitunter eben auch mal schwer. Doom, ja, aber nicht so, wie man es auf klassischen Doom-Metal-Labels zu hören bekommt.

Valou, der während technischer Pannen ein wenig durchs Programm führte, berichtete, dass sie von all ihren bisher veröffentlichten Platten etwas spielen werden, durch das Fehlen der jeweiligen Vokalist*innen jedoch die Stücke anders performen würden als auf Platte. Mit der später noch auftretenden Diana Burkot sei ein Album in der Mache, nach deren Solopart würden sie nochmal zur Unterstützung später erscheinen. Alles klar.

New Age Doom

75 Minuten lang boten NEW AGE DOOM einen musikalischen Dialog, der weit brachialer wirkte als auf ihren Platten, die meist eine elektronische Schlagseite aufweisen, welche hier live zugunsten exaltierter Schlagzeug- sowie Saiten-Verdreschungen vernachlässigt wurde. Ein Programmpunkt für Rock- und New Age Doomvielleicht sogar für Metal-Freunde, solange man auf rockistische Klischees verzichten kann und ein Genre-Verständnis aufweist, welches sich zum Beispiel im Line-Up des kürzlich am selben Ort zugetragenen „Years Of Decay“-Festivals wiederfinden lässt (Bericht hier). Die Stimme der Norwegerin TUVABAND aka Tuva Hellum Marschhäuser, mit der sie 2023 das Album „There Is No End“ eingespielt hatten, kam dabei vom Band.

Pussy Riot Diana BurkotDiana Burkot kauerte zu fortgeschrittener Stunde erst auf der rot illuminierten Bühne, bevor sie einige Rhythmen abspielte, zu denen sie sich künstlerisch-sportlich bewegte. Sie hatte beim Merch ebenfalls ein

Pussy Riot Diana Burkot

Album im Angebot, was mich ein wenig verwirrte. Im Netz hatte ich nichts gefunden, als ich mit ihrem Namen gesucht hatte und sogar das Musikportal last.fm versah ihren Namen beim Einpflegen des Events mit einem Fragezeichen. Recherchiert man jedoch unter ROSEMARY LOVES A BLACKBERRY offenbart sich eine gar nicht mal so kleine wie gleichsam erlesene Diskographie zwischen sphärischem Gesang, verstörenden Elektrosounds und kammermusikalischen Kleinoden. Ich weiß nicht, warum Burkot nicht unter Pussy Riot Diana Burkotdiesem Künstlerinnen-Alias tourte – so war es eher der Name PUSSY RIOT, der ein wenig zog. Vielleicht wollte sie das ja so, schließlich geht es bei diesem Kollektiv immer um mehr als Musik. Was täglich dringender Not tut.

Das Meiste, was bei Blogs wie diesem hier geschieht, ist schön, wird aber zunehmend unwichtig angesichts der wachsenden gesellschaftlichen Bedrohungen, denen wir alle mehr oder weniger ausgesetzt sind. PUSSY RIOT, bzw. ihre Mitgliederinnen sind dabei eine Ausnahme. Mal kurz zur Erinnerung, was sie in den letzten Jahren gerissen haben: Das 2011 gegründete, feministische Kollektiv trat mit Guerilla-Performances an verschiedenen öffentlichen Plätzen in Russland mit Sturmhauben auf – nicht nur um ohne Pussy Riot Diana Burkotkommerzielle Hintergründe zu unterhalten, sondern um der restriktiven russischen Staatsführung sowie deren Unterstützern die Stimmen jener zu präsentieren, die sie kriminalisiert und entrechtet – also Frauen, Trans-Menschen oder sexuelle und ethnische Minderheiten.

Ihr „Punk-Gebet“ in der Christ-Erlöser-Kathedrale in Moskau brachte 2012 zwei ihrer Protagonistinnen für zwei Jahre in den Knast beziehungsweise sibirische Arbeitslager. Sie störten die Winterspiele in Sotschi 2014 sowie das Finale der Fußball-WM 2018 in Moskau, jedes Mal begleitet von Festnahmen. 2022 flohen sie aus Russland und treten seitdem in unterschiedlichen Besetzungen zusammen oder mit anderen Künstler*innen auf. In diesem Zusammenhang sei das aktuelle Missy Magazin Pussy Riot Diana Burkotsehr empfohlen, in dem deren Mitbegründerin Sonja Eismann im Interview herausarbeitet, von welchen lebensbedrohenden Umständen das Wirken PUSSY RIOTs flankiert wird.

Diana Burkot unterbrach ihre elektronische Performance mit zarten Vokaleinsätzen häufig, um in Kontakt zu kommen mit dem Publikum, welches aber zunehmend das Weite suchte. Sie rief zum Wählen auf und teilte nicht nur gegen Putin und seinen Fanboy-Präsidenten aus den ehemals demokratischen USA aus, sondern vor allem auch gegen schwerreiche Umstürzler wie Elon Musk, die sich weltweiten Einfluss erkaufen. Multilingual performte sie als Stimme für die, die „nicht da sind“ bzw. nicht gesehen werden und versuchte darüber hinaus, die Anwesenden für politische Teilhabe zu motivieren: „You are much more powerful than you think!“.

Viele erreichte das nicht mehr, auch nicht der brachiale Abschluss des Abends, der gemeinsam mit NEW AGE DOOM zelebriert wurde. Das war eine Party mit Haltung, wie es sie häufiger geben sollte in Zeiten, in denen sich täglich die Katastrophenmeldungen multiplizieren. Kopf in den Sand stecken geht einfach nicht mehr. Slava Ukraini.

Links: https://unicornpartisans.net/, https://www.facebook.com/unicornpartisans/, https://unicornpartisans.bandcamp.com/, https://www.last.fm/de/music/Unicorn+Partisans, http://www.newagedoom.com/, https://newagedoom.bandcamp.com/https://www.last.fm/de/music/New+Age+Doom, https://www.facebook.com/DianaBurkot/, https://www.instagram.com/diburkot/

Text & Fotos: Micha
Clip: Micha/Unicorn Partisans

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