Dreikönigskeller, Frankfurt, 3.06.2025
Zehn Jahre waren die Kanadier BIG JOHN BATES nicht mehr in Frankfurt. Viel zu lange, wir haben sie schmerzlich vermisst. Denn diese Band ist speziell: Keine spielt einen solchen Mix aus Psychobilly, Americana und Garage-Rock, den sie selbst „Alternative Noir“ nennt. Zudem ist sie bekannt für ihre großartigen, extrovertierten Liveshows. Und so machte mein Herz einen kleinen Sprung, als ich die Konzertankündigung für den Dreikönigskeller im Stadtteil Sachsenhausen sah. In den Wochen vor dem Auftritt wuchsen die Erwartungen noch, geschürt durch die zwei bisherigen Auftritte in der Mainmetropole im Club „Das Bett“ (2015 als Special Guest der REAL McKENZIES) und als Headliner im Ponyhof (2012, siehe unseren Bericht dazu hier). Ob sie alle erfüllt wurden, darüber berichten wir in den folgenden Zeilen.

Die als BIG JOHN BATES & THE VOODOO DOLLZ im Jahr 2000 gegründete Band absolviert derzeit zum 25-jährigen Bestehen unter dem Titel „Grindin‘ gears for 25 years“ (zu deutsch: jemandem auf die Nerven fallen seit 25 Jahren) eine knapp 20 Auftritte umfassende Tour durch Deutschland, Frankreich und
Spanien mitsamt einzelnen Abstechern nach Österreich und nach Tschechien. Im Anschluss an den Gig in Frankfurt standen nur noch drei Stopps in Dortmund, Köln und Wilhelmshaven an, am 6. Juni 2025 ist die Jubiläumsreise dann Geschichte.
Ab 2012 firmiert die Gruppe unter dem Namen BIG JOHN BATES NOIRCHESTRA; seitdem ständiges Mitglied ist die US-Amerikanerin Brandy Anderson aka Brandy Bones am Kontrabass. Am Schlagzeug sitzt seit einiger Zeit Tim Huston (bei der Tour 2012 war noch JT Massacre mit von der Partie), nur war dieser am gestrigen Abend in der dunkelsten Ecke des Clubs platziert worden, sodass es nur wenige brauchbare Bilder von ihm gibt. Mea culpa.
Ansonsten muss man sagen, dass das schummrige, überwiegend rote Licht gut zum „Hellfire Rock’n’roll“ (Instagramseite der Band) passte: Es schaffte eine intime, fast schon erotisierende Atmosphäre, die von den Protagonist*innen der Combo an mancher Stelle verstärkt, an anderer durch ihr Spiel stark
konterkariert wurde. Etwas zu intim war leider der Rahmen, in dem das Konzert stattfand: Nur rund 40 Musikfreunde hatten sich eingefunden, da hatte ich schon ein paar mehr erwartet. Aber klar ist auch, dass das Trio wie erwähnt zehn Jahre nicht mehr in der Stadt war und das noch aktuelle Album („Skinners Cage“) schon wieder sechs Jahre auf dem Buckel hat. Da kann man nicht unbedingt einen Besucheransturm erwarten.
Das schien die Gruppe aber nicht im Mindesten zu stören: Begleitet von Bones und Huston betrat der aus Vancouver stammende Sänger, Songwriter und Gitarrist Big John Bates (diesmal mit einer an den späten Andy Warhol erinnernden Frisur) die Bühne, und hatte sofort den ersten von vielen weiteren Krachern parat: Als Stage-Opener präsentierten BIG JOHN BATES „Aren’t You Pretty“ von ihrer 2006er-Scheibe
„Take Your Medicine“ (der Titelsong wurde später auch noch gespielt). Danach folgte mit „Murky Water“ der erste von insgesamt drei tollen Songs der meines Erachtens bisher besten BJB-Platte „Battered Bones“ (2012).
Wie man das bei einer Vierteljahrhundert-Jubiläumssause erwarten darf, war von (fast) jedem veröffentlichten Album mindestens ein gutes Lied Teil des Programms: „Dig Myself a Hole“ und „Voodoo Bar-B-Q“ von „Flamethrower“ (2001), „Bangtown“ und „Fill Your Tank“ von „Bangtown“ (2009), „All the Devils“ von „Skinners Cage“ (2019), die just im April 2025 erschienene Single „Scarlet Letter“ und mit „Alison Hell“ von der gleichnamigen 1989er-LP sogar ein Stück von Bates‘ früherer Band ANNIHILATOR.
Clever zwischen dem in Blöcken zu jeweils drei oder vier Tracks eingeteilten Set fanden die vielen Hingucker einer BJB-Show statt, zum Beispiel die rituelle Verköstigung mit Jägermeister: Big John wanderte samt seiner Gitarre durch das Publikum und holte an der Theke am hinteren Ende des Clubs eine Runde
Hütchen für sich und seine Mitstreiter ab. Zurück auf dem Podest reichte er eines an Tim Huston weiter, ehe er Mrs. Bones ihren Kräuterschnaps persönlich einflößte (Foto rechts). Es ist ja kein Geheimnis, dass BJB seit vielen Jahren von Jägermeister gesponsert wird (kein Witz). Der 35-Prozenter scheint ihm und der gesamten Kapelle immer noch trefflich zu schmecken…
Ob es der Zaubertrank aus der Likörschmiede in Wolfenbüttel ist, der dem Trio außergewöhnliche Kräfte verleiht, ist zwar nicht belegt, aber nicht ganz unwahrscheinlich: Big John, der in etwa mein Alter haben dürfte, kommt mit Bühnen-Adrenalin noch immer runter auf seine Knie (und danach problemlos wieder hoch), bewundernswert. Und Brandy Bones lieferte, wie die Fans es lieben, Akrobatik
der besonderen Art auf ihrem Kontrabass: balancierend, auf einem Bein stehend und das andere abwinkelnd. Tolle Pose und sicher recht anstrengend, da darf man sich anschließend mal kurz auf dem Instrument liegend ausruhen.
Normalerweise erklimmt die Dame auch ganz gern samt ihrem XXL-Bass den Tresen des jeweiligen Auftrittsorts (so geschehen sowohl im „Bett“ als auch im Ponyhof). Dies war im Dreikönigskeller aufgrund der eher knapp über der Theke hängenden Gläser nicht möglich und bleibt daher den Sänger*innen anderer Bands vorbehalten, wie wir dies vor Ort bereits unter anderem mit den COPY CATS, den KAMIKAZE QUEENS und den BLOODY HOLLIES erleben durften.
Ein paar Worte verlieren möchte ich noch über eine Handvoll Coversongs, die im Set ebenfalls Berücksichtigung fanden: Da ist zum Beispiel mit „All My Friends Are Dead“ von TURBONEGRO einer der vermutlich besten Punkrock-Tracks, die je geschrieben wurden. Auch „Dead Moon Night“ von DEAD MOON
wurde ein unverwechselbares Facelifting im Dark-Post-Rock-Gewand von BIG JOHN BATES verliehen; eine Version, die sicher auch DM-Mastermind Fred Cole (RIP) zu Lebzeiten Freude bereitet haben dürfte. Immer wieder gern gehört wird zudem der Titel „Black Soul Choir“, ursprünglich von 16 HORSEPOWER, sowie natürlich traditionell der „Goo Goo Muck“ von THE CRAMPS. Alles Lieblingslieder, alles Lieblingsbands. Er hat einen guten Musikgeschmack, der Mister Bates. Lediglich „Breaking the Law“ gab es diesmal nicht, aber das störte nicht weiter: Wer mag, kann sich den JUDAS PRIEST-Überhit ja am 18. Juni beim Hessentag in Bad Vilbel von den Original-Interpreten anhören.
Fast hätte das Konzert übrigens ein abruptes Ende genommen: Ein Kabeldefekt am Effektgerät der Gitarre führte zu einer zehnminütigen Unterbrechung. Eilig wurde Ersatz beschafft, der anfangs aber nicht richtig passte und schließlich im zweiten Versuch doch angeschlossen werden konnte. Die Musiker konnten die Pause ohnehin ganz gut gebrauchen, um sowohl wegen der auf der Bühne herrschenden Hitze als auch der Schnelligkeit der Songs ein wenig durchzuschnaufen. Am Ende der Show gab
es ein letztes eigenwilliges Cover: „Tainted Love“ in der Psychobilly-Version verlangte dem Trio noch einmal alles ab, bevor es das Podest final verließ – allerdings nicht ohne einen werbenden Hinweis auf den Gig ihrer Landsleute CATL aus Toronto, die zwei Tage später den Dreikönigskeller bespielen.
Nette Gespräche am Merchtisch mit anderen Gästen und den Künstlern rundeten den Abend ab. Ein BJB-Fan war 300 Kilometer entfernt aus dem tiefsten Bayern angereist und wollte noch nachts mit dem Auto zurückfahren. Ich sah ihn dem Apfelwein zusprechen, hoffentlich ging das gut. Ein Frankfurter, der die Band zum ersten Mal gesehen hatte, ließ sich für eine dreistellige Summe gleich alle vier angebotenen Langspieler samt Singles, Shirts sowie Patches einpacken und wurde dafür mit einem satten Rabatt belohnt.
Blickfang am Verkaufsstand war eine gefühlt zehn Kilogramm schwere Marmorplatte, auf der die Waren samt Preisliste aufgeführt waren. Darauf angesprochen, erzählte Brandy Bones, dass diese von ihr selbst hergestellt worden sei. Vielleicht hat die Truppe mal schlechte Erfahrungen gemacht, denn
eins ist klar: Diese Platte steckt sich als Souvenir niemand so schnell in die Tasche. Die im US-Bundesstaat Alaska geborene Lady hat in Vancouver früher als Designerin für Grabsteine (!) gearbeitet und ist aktuell neben der Musik noch als Künstlerin und als Tätowiererin tätig (bei Interesse klickt hier).
Am Ende eines herausragenden Konzertabends nahm ich der Band noch das Versprechen ab, nicht wieder zehn Jahre bis zum nächsten Auftritt in Frankfurt ins Land gehen zu lassen. Ob sich das Trio daran hält, wird die Zukunft weisen. Ich ging aber mit der Gewissheit nach Hause, dass alle Vorschusslorbeeren gerechtfertigt und meine Erwartungen sogar noch übertroffen worden waren.
Links: https://bigjohnbates.com/, https://www.facebook.com/bigjohnbates, https://www.instagram.com/bigjohnbates/, https://www.youtube.com/bigjohnbates, https://bigjohnbates.bandcamp.com/, https://www.last.fm/music/Big+John+Bates
Text & Fotos: Stefan
Alle Bilder:










